Brasiliens langer Weg, Leopoldinas Beitrag

200 Jahre Unabhängigkeit 

Szmbolfoto: Pixabay/dawnfu
Szmbolfoto: Pixabay/dawnfu

RIO DE JANEIRO: Die Unabhängigkeit Brasiliens am 7. September 1822 unterscheidet sich von der anderer lateinamerikanischer Länder ab dem Jahr 1810. Kaiser Peter I. setzte sich selbst an die Spitze der Bewegung. Unterstützt wurde er von Brasiliens österreichischer Kaiserin Leopoldina.

Staatsehren für ein Herz: Aufbewahrt in einer goldenen Urne wird das Organ des ersten Kaisers von Brasilien im Rolls Royce am Regierungspalast vorgefahren, 21 Salutschüsse donnern zum Empfang.

«Zwei Länder, vereint durch die Geschichte, verbunden durch das Herz. Zweihundert Jahre Unabhängigkeit, und vor uns: eine Ewigkeit der Freiheit», sagt der brasilianische Staatschef Jair Bolsonaro bei der Zeremonie. «Gott, Vaterland, Familie! Es lebe Portugal, es lebe Brasilien!»

Brasilien feiert am Mittwoch 200 Jahre Unabhängigkeit von Portugal. Aus diesem Anlass ließ die Regierung Bolsonaros das «Befreier»-Herz von Kaiser Peter I. erstmals in 187 Jahren nach Brasilien kommen. So wie die Militärs 1972 während der Diktatur (1964-1985) aus Anlass des 150. Jahrestages der Unabhängigkeit bereits die Gebeine. Diese wurden am Unabhängigkeitsdenkmal in São Paulo beigesetzt.

Im Park des Unabhängigkeitsmuseums steht auf einem kleinen Hügel auch die «Casa do Grito» («Haus des Schreis») angeblich genau dort, wo Peter I. am 7. September 1822 «Unabhängigkeit oder Tod» gerufen haben soll - und damit Brasilien von Portugal lossagte. Damit unterscheidet sich die Unabhängigkeit Brasiliens wesentlich von der anderer lateinamerikanischer Länder ab 1810.

Es war keine Befreiungsbewegung von Bürgerlichen gegen die Krone, die die Unabhängigkeit erstritt. Sondern der brasilianische Kaiser «Dom Pedro» hatte sich selbst an die Spitze der Bewegung gesetzt. «Aber die Unabhängigkeit wurde auch nicht nur von 'Dom Pedro` erreicht» , sagt «Dom João» de Orléans e Bragança, als Fotograf, Surfer und Gastgeber für Autoren berühmtester Nachfahre der brasilianischen Kaiserfamilie, der Deutschen Presse-Agentur.

Unterstützt wurde «Dom Pedro» dabei von Brasiliens österreichischer Kaiserin, Leopoldine von Habsburg. «Die Beteiligung dieser fabelhaften Frau, die Maria Leopoldina war, muss unterstrichen werden», sagte der Direktor des Nationalmuseums in Rio de Janeiro, Alexander Kellner, der dpa überschwänglich bei der Einweihung der neuen Fassade des Museums vier Jahre, nachdem dieses in Flammen aufgegangen war.

«Eine Österreicherin von Geburt, aber eine Brasilianerin von Herzen, verehrt von der brasilianischen Bevölkerung.» Leopoldine von Habsburg begann noch auf der Reise nach Brasilien, mit «Maria Leopoldina» zu unterschreiben. Im Garten vor dem «Museu Nacional», einst der Palast, in dem Leopoldina lebte und starb, steht eine Statue der österreichischen Kaiserin des Landes, als würde sie dieses bewachen oder einen empfangen. In Rio sind ein Viertel und eine Sambaschule nach Leopoldina benannt.

Der 2. September ist der Jahrestag des Feuers und zugleich der Tag, an dem Leopoldina 1822 eine Sitzung des Staatsrats einberief, der beschloss, dass Brasilien nicht länger der portugiesischen Krone unterstellt sein sollte. Sie unterzeichnete das Protokoll und wies ihren Mann in einem Brief auf die Notwendigkeit des Bruchs hin. Fünf Tage später rief dieser die Unabhängigkeit aus.

Auch für die Förderung von Künsten und Wissenschaften verehren die Brasilianer Leopoldina. Sie galt als sehr gebildet, interessierte sich für Physik, Astronomie, Botanik und Mineralogie. Aus Anlass ihrer Hochzeit mit dem Portugiesen Dom Pedro I. im Jahr 1817 kamen im Rahmen der österreichischen Brasilien-Expedition österreichische und bayerische Wissenschaftler wie Johann Natterer, Carl von Martius und Johann von Spix nach Brasilien und erkundeten das Land.

Durch die Ankunft des portugiesischen Hofes in Rio 1807, der vor Napoleon geflohen war und erstmals in der europäischen Kolonialgeschichte das politische Zentrum in die Neue Welt verlegte, öffnete sich Brasilien, auch andere Expeditionen wie die französische kamen in das Land.

Heute vermisst «Dom João» eine offene Debatte darüber, wo das Land steht. «Das ist ein Moment, der mehr Nachdenken über das verdienen würde, was wir in 200 Jahren erreicht haben - und was nicht», sagt der kaiserliche Nachfahre. «Wir haben noch immer einen langen Weg vor uns.» Brasilien sei immer noch ein ungleiches Land, in dem Rassismus herrsche, mit großen Problemen im Bildungs- und Gesundheitssystem.

Zudem fällt das Jubiläum in diesem Jahr mit dem Wahlkampf zusammen. «Noch schlimmer: Brasilien ist geteilt und polarisiert», sagt «Dom João». Bei der Präsidentenwahl Anfang Oktober kommt es zu einem Duell zwischen dem rechtspopulistischen Amtsinhaber Bolsonaro und dem linken Ex-Präsidenten Luiz Inácio Lula da Silva.

Bolsonaro mobilisierte am Unabhängigkeitstag im vergangenen Jahr bereits mehr als 100.000 Menschen und drohte demokratischen Institutionen. Es wird erwartet, dass er den Tag wenige Wochen vor der Wahl diesmal verstärkt nutzt, um die Massen hinter sich zu versammeln und Stärke zu demonstrieren. An der Copacabana etwa sind acht Stunden Militäraktivitäten geplant.

«Dom João» de Orléans e Bragança wird den 7. September bei den Feierlichkeiten im Unabhängigkeitsmuseum in São Paulo verbringen. Er hält das für die angemessenere Art, 200 Jahre Unabhängigkeit zu begehen. Das Museum wird am Tag darauf nach Jahren der Schließung, Renovierung und Erweiterung wieder für das Publikum öffnen.

Dann wird auch «Unabhängigkeit oder Tod» von Pedro Américo aus dem Jahr 1888, ein Jahr, bevor Brasilien Republik wurde, restauriert wieder zu sehen sein. Die Darstellung, wie «Dom Pedro» seinen Säbel in die Luft reckt und die Unabhängigkeit ausruft, ist eines der wichtigsten Bilder für Brasilien. Daneben hängt ein Porträt von Leopoldina.

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