Schieben, wetten, töten

Neuer «Polizeiruf 110» aus Magdeburg

Kommissarin Brasch (Claudia Michelsen) beobachtet Micky im Wettbüro - eine Szene aus
Kommissarin Brasch (Claudia Michelsen) beobachtet Micky im Wettbüro - eine Szene aus "Polizeiruf 110: Totes Rennen" (undatiert). Foto: Stefan Erhard/Mdr/dpa

MAGDEBURG (dpa) - Am Elbufer liegt ein Toter, der sein Geld bei Sportwetten verzockt hat. Bei der Suche nach dem Mörder gibt es viele Wendungen. Im Magdeburger «Polizeiruf 110» ist Kommissarin Doreen Brasch nun ohne Partner unterwegs.

An einem warmen Spätsommertag wird an der Elbe nahe des Magdeburger Herrenkrugs eine Leiche gefunden. Milan Siebert (Vincent Krüger), einem jungen Vater Ende 20, wurde vor seinem Tod übel zugesetzt. Er hat unter anderem eine Stichverletzung, der Fundort ist nicht der Tatort. «Wieso laufen uns eigentlich immer die Kollegen weg? Liegt das an mir?», fragt Hauptkommissarin Doreen Brasch (Claudia Michelsen) ihren Chef Uwe Lemp (Felix Vörtler).

Lemp hat seinen Schreibtischstuhl gegen den weißen Schutzanzug der Kriminaltechnik getauscht und macht nun auch «Feldarbeit». Er lässt die Frage unbeantwortet. Der Kriminalrat ist zumindest halb in die Fußstapfen von Braschs Ex-Kollegen Dirk Köhler (Matthias Matschke) getreten. Vörtler spielt erfrischend locker auf.

Mit der «Polizeiruf 110»-Folge «Totes Rennen» zeigt das Erste am Sonntag um 20.15 Uhr nach dem Ausstieg von Matschke die erste Folge mit Michelsen als Solo-Ermittlerin. Sie muss als Brasch ins nebulöse Sportwettenmilieu eintauchen, Verbindungen des Toten zum Landeskriminalamt (LKA) durchleuchten und aufpassen, selbst kein Opfer in einem falschen Spiel zu werden. Zudem quälen sie Schulterschmerzen und eine Vorsehung, die den Zuschauer immer wieder in verzerrten Sequenzen ans Ende des Falles führt.

Regie führte Torsten C. Fischer, der seit 2005 bereits für mehr als ein Dutzend «Tatort»-Folgen verantwortlich war. Auch Magdeburg ist Fischer nicht fremd. Er saß bereits für die Folgen «Crash» (2018) und «Zehn Rosen» (2019) auf dem Regiestuhl. Das Drehbuch lieferten Stefan Dähnert und Lion H. Lau.

Nach dem Vorbild anderer Sonntagabendkrimis gibt es jetzt auch im Magdeburger «Polizeiruf 110» mit Kriminalobermeister Günther Márquez (Pablo Grant) einen engagierten Innendienstler. Einen für die Telefonverbindungen und Kontobewegungen - eine gute Idee. Brasch und Lemp sind draußen unterwegs. Sie befragen unter anderem die Eltern und die Frau des Toten. Sie sagt: «Milan war ein Junkie. Seine Droge war das Spiel.» Er habe ihr von einem «todsicheren Tipp» erzählt und ihr vorgegaukelt, dass das wegen großer Schulden aus dem Ruder gelaufene Leben dann wieder «okay» werden würde. Doch sie weiß: Schnell verdient, schnell verloren.

«Der Junge hat die ganze Familie mit sich in den Abgrund gezogen», sagt Steffen Siebert (Torsten Ranft). Seine Wut auf den Sohn ist deutlich spürbar. Die Familie ist kaputt. Ist er aus Verzweiflung bis ans Äußerste gegangen und hat seinen Sohn getötet?

Viel Raum in «Totes Rennen» bekommt LKA-Mann Hannes Kehr (Michael Maertens). Der Charmeur mit der Vorliebe für asiatisches Essen hegt Sympathien für Brasch, scheint von der «besessenen» Kollegin fasziniert. Spielt er ein falsches Spiel? Kehr ist ein Insider im Wettgeschäft, war selbst lange spielsüchtig. Siebert hatte ihn kurz vor seinem Tod angerufen. Warum? Wo ist die Verbindung?

Einige undurchsichtige Gestalten tauchen auf. Zum Beispiel Micky Puhle (Martin Semmelrogge), der ein Faible für Pferderennen hat und zu Brasch sagt: «Ich wette nur da, wo ich selber geschoben habe.» Kehr taucht mit der resoluten Ermittlerin immer tiefer in den Kosmos der Wettmafia ab und warnt dennoch: «Betreten sie nicht diese Welt.» Er behauptet, der Tote wäre ein Informant des LKA gewesen. Eine Lüge, wie sich spät herausstellt, denn Kehr hält als LKA-Mann der Wettmafia den Rücken frei, die ihn unter Druck setzt. Die Fäden laufen in einem Asia-Imbiss zusammen.

«Totes Rennen» ist ein solider Krimi mit einigen Wendungen. Bis zum großen Show-down auf der Magdeburger Galopprennbahn bleibt es spannend. Dafür wurde eigens ein Renntag mit mehreren Hundert Komparsen nachgestellt. Ein logistischer Aufwand, der sich gelohnt hat. Die Atmosphäre stimmt, der spielsüchtige Siebert wird nicht der einzige Tote bleiben. Dass Brasch jetzt ohne Partner auf Täterjagd ist, steht ihr gut. Die vormals manische Einzelgängerin entwickelt Teamgeist. Das macht Lust auf mehr.

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