100 Jahre deutsch-dänische Grenze

​Fest in Rot-Weiß und Feuertaufe für den Prinzen

Die dänische (R) und die deutsche Flagge wehen über dem Hafen von Sonderburg. Foto: epa/Maurizio Gambarini
Die dänische (R) und die deutsche Flagge wehen über dem Hafen von Sonderburg. Foto: epa/Maurizio Gambarini

SONDERBURG: Wegen Corona wurde im vergangenen Jahr vieles verschoben - auch ein wichtiges Jahrhundert-Jubiläum, auf das die deutsch-dänische Grenze bis heute zurückgeht. Nun wurden die Feierlichkeiten nachgeholt.

Winkende Menschen mit rot-weißen Fahnen am Straßenrand, Kinder mit Blumen, Blasmusik und bestes Sonnenwetter: Dänemark feierte mit etwas Verspätung die Grenzziehung zu Deutschland vor 101 Jahren. Das Besondere: Die Menschen stimmten 1920 selbst ab, zu welchem Land sie gehören wollten. Der nördliche Teil wollte zu Dänemark, der südliche zu Deutschland. «Was vor allem nach 1945 auf beiden Seiten dieser Grenze geschah, ist nicht weniger als ein kleines Wunder», sagte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bei einem Festakt in Sonderburg.

Anlässlich des Jubiläums begaben sich am Sonntag gleich drei Königshausgenerationen auf historische Spuren: Margrethe II. fuhr gemeinsam mit ihrem Sohn und Enkel über die alte Grenze im deutsch-dänischen Grenzgebiet. In einer Kutsche passierten Margrethe (81), Kronprinz Frederik (53) und Prinz Christian (15) die Grenze bei Frederikshøj südlich von Kolding, die 1920 zu einem wichtigen Symbol der Wiedervereinigung Nordschleswigs mit Dänemark wurde.

Für Enkel Prinz Christian war es das erste Mal, dass er bei einem offiziellen Termin des Königshauses eine größere Rolle einnahm - eine Feuertaufe sozusagen. «Nun überlassen wir die Grenze den jüngeren Generationen, voller Gewissheit und Vertrauen in ihren Willen und ihr Können, die Entwicklung, die ihre Eltern und Großeltern einst begannen, weiter voran zu bringen», sagte Margrethe.

Steinmeier lag der Besuch in Dänemark - die erste Auslandsreise mit Übernachtung seit rund zehn Monaten - am Herzen. Die Zeit der Volksabstimmungen von 1920 sei eine Zeit durchaus gemischter Gefühle gewesen. Auf der einen Seite habe sie das Ende von Krieg und Zerstörung, die friedliche Selbstbestimmung der Völker versprochen. Auf der anderen Seite habe sie aber für viele auch Trennung und Verlust gebracht. «Und wir vergessen nicht, dass das Friedensversprechen zwanzig Jahre später jäh gebrochen wurde, als wir Deutsche unsere dänischen Nachbarn überfielen. Deutschland war Dänemark wahrlich nicht immer ein guter Nachbar.»

Nach der deutschen Niederlage im Ersten Weltkrieg entschieden die Bewohner der beiden Regionen Schleswigs 1920, ob sie aus Kopenhagen oder Berlin regiert werden wollten. Am 10. Februar 1920 stimmten in Nordschleswig 74 Prozent für Dänemark, am 14. März in Südschleswig 80 Prozent für Deutschland - Flensburg, Südtondern und Husum blieben somit ebenso deutsch wie Föhr, Amrum und Sylt.

Im Gebiet Nordschleswig, das die Dänen nur als Sønderjylland (Süderjütland) kennen, leben etwa 15.000 Menschen, die sich zur deutschen Minderheit zählen. «Wir wurden ja damals gezwungen, abzustimmen. Deutsch oder Dänisch war die Wahl», sagte der Vorsitzende der Bundes Deutscher Nordschleswiger, Hinrich Jürgensen, beim Besuch der beiden Staatsoberhäupter im Deutschen Museum Nordschleswig in Sonderburg.

Die Loyalitätserklärung der deutschen Minderheit von 1945 gegenüber Dänemark und die Grenzanerkennung sei der erste Schritt von Feindschaft zur Freundschaft gewesen. Dänisch und Deutsch seien eben keine Gegensätze, sondern eine Ergänzung, so Jürgensen. «Wir haben nicht nur eine Königin, sondern auch einen Bundespräsidenten.» Und beide pflanzten dann vor dem Museum eine dänische Buche und eine deutsche Eiche.

Die rund 70 Kilometer lange Landgrenze bildet zugleich die Grenze zum Bundesland Schleswig-Holstein. Dessen Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) betonte bei dem Besuch die Vorbildfunktion der Grenzziehung für Europa. «Wo hat es das gegeben, dass eine Grenze wirklich friedlich gezogen wurde, dass es eine Volksabstimmung gegeben hat? Daraus erwächst heute eine Freundschaft zwischen Deutschland und Dänemark, die seinesgleichen sucht.»

Zur deutschen Delegation gehörte auch Rostocks Oberbürgermeister Claus Ruhe Madsen (parteilos). «Das hat sich von einem anfänglichen Gegeneinander zu einem Miteinander und einem Füreinander entwickelt», sagte der Däne. Er ist der einzige OB einer deutschen Großstadt ohne deutschen Pass und kennt beide Länder sehr gut. Als Kind besuchte er im süddänischen Düppel früher seine Großmutter mit dem Fahrrad. Seine Familie kommt aus Süderjütland.

Nach Düppel und der dortige historischen Wehranlage Düppeler Schanzen führte es auch Steinmeier und Königin Margrethe. 1864 wurde dort die dänische Armee von preußischen Truppen geschlagen. 56 Jahre später wurde die Grenze friedlich gezogen. «Damals stand die Grenze für die Abgrenzung zwischen Vergangenheit und Gegenwart», erinnerte die Monarchin. «Heute dürfen wir sie als eine Verbindung zwischen Nachbarn und Freunden sehen.»

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