Zwischen Mythos und Wahrheit: 60 Jahre Bundesbank

Der Sitz der Europäischen Zentralbank (EZB) überragt die Zentrale der Bundesbank in Frankfurt am Main (Hessen). Die Deutsche Bundesbank nahm am 1. August 1957 ihre Arbeit als Zentralbank für die Bundesrepublik Deutschland auf. Foto: dpa/Boris Roessler
Der Sitz der Europäischen Zentralbank (EZB) überragt die Zentrale der Bundesbank in Frankfurt am Main (Hessen). Die Deutsche Bundesbank nahm am 1. August 1957 ihre Arbeit als Zentralbank für die Bundesrepublik Deutschland auf. Foto: dpa/Boris Roessler

FRANKFURT/MAIN (dpa) - «Hüterin der Währung», «Hort der Stabilität», «Vorbild für die Zentralbanken der Welt» - über Jahrzehnte hat sich die Deutsche Bundesbank weltweit einen Namen gemacht. Das schier unerschütterliche Vertrauen der Deutschen in ihre Notenbank ist geradezu legendär: «Nicht alle Deutschen glauben an Gott, aber alle glauben an die Bundesbank» - auf diesen Punkt brachte es 1992 der Franzose Jacques Delors, damals Präsident der EU-Kommission. Als Zentralbank der noch jungen Bundesrepublik gegründet im Sommer 1957, stand die Frankfurter Institution vor allem für die Härte der D-Mark.

Mit dem Zusammenrücken Europas schrumpfte der Einfluss der Bundesbank: Seit 1999 gibt die Europäische Zentralbank (EZB) den Kurs in der Geld- und Zinspolitik vor. «Die Bundesbank ist nicht mehr, was sie mal war. Der Mythos existiert nur noch rudimentär», befand der inzwischen gestorbene ehemalige Bundesbank-Präsident Karl Otto Pöhl zum 50-jährigen Bestehen der Notenbank vor zehn Jahren.

«In dem Moment, in dem die D-Mark aufgegangen ist im Euro, hat die Bundesbank die wichtigste Aufgabe verloren: Für die Stabilität der eigenen Währung zu sorgen», konstatiert heute Otmar Issing, in den 1990er Jahren Chefvolkswirt der Bundesbank und anschließend in gleicher Funktion bei der EZB. «Das war zunächst natürlich ein extremer Kulturschock», erinnert sich der Ökonom.

Die Bundesbank habe es jedoch geschafft, «im Konzert der Währungsunion eine Stimme der Stabilität» zu bleiben, meint Issing. Tatsächlich wird der seit Mai 2011 amtierende Bundesbank-Präsident Jens Weidmann nicht müde, vor Risiken und Nebenwirkungen der ultralockeren EZB-Geldpolitik zu warnen. Das viele billige Geld der Notenbank könne «süchtig machen (...) wie eine Droge», urteilte der frühere Wirtschaftsberater von Bundeskanzlerin Angela Merkel einmal. Und: Die EZB dürfe nicht zum Erfüllungsgehilfen der Politik werden.

Im EZB-Rat entscheidet der Bundesbank-Präsident mit über den Kurs der gemeinsamen Zentralbank. Nach Einschätzung von Ökonomen ist Weidmann in dem Gremium «argumentativ ein Schwergewicht». Bundesbank-Vorstand Carl-Ludwig Thiele zeigt sich im Gespräch mit dem Hessischen Rundfunk überzeugt: «26 Prozent der Wirtschaftskraft des Euroraums sind Deutschland und insofern wird auf das Wort des Bundesbank-Präsidenten schon sehr gehört und es wird auch ernstgenommen.»

Doch so beharrlich Deutschlands oberster Währungshüter Widerstand leistet, es mutet bisweilen an wie ein Kampf gegen Windmühlen. Denn Weidmann hat - obwohl er Europas größte Volkswirtschaft vertritt - im EZB-Rat ebenso nur eine Stimme wie seine Kollegen aus den inzwischen 18 weiteren Euroländern.

So mancher in Deutschland wünschte sich gerade in der jüngsten Krise mehr deutschen Einfluss im obersten EZB-Gremium unter der Ägide des Italieners Mario Draghi. Denn Nullzinsen, Strafzinsen für Banken und vor allem milliardenschwere Kaufprogramme für Staats- und Unternehmensanleihen sind alles andere als unumstritten.

«Wenn Draghis Amtszeit 2019 ausläuft, sollte der nächste EZB-Chef aus Deutschland sein», forderte Bayerns Finanzminister Markus Söder (CSU) im April 2016 öffentlichkeitswirksam in der «Bild am Sonntag». Die EZB brauche «mehr deutsche Handschrift». Die deutschen Sparer würden «schleichend enteignet und bezahlen damit indirekt die Rettung südeuropäischer Staaten und Banken», kritisierte Söder. Erst kürzlich fiel erneut Weidmanns Name im Zusammenhang mit der Draghi-Nachfolge.

Doch an Spekulationen jedweder Art beteiligt sich die Mammutbehörde in ihrem Betonbau im Nordwesten Frankfurts (Stilrichtung: «Brutalismus») mit bester Aussicht auf die Türme im Bankenviertel nicht. Am liebsten ist es den bundesweit knapp 9.800 Bundesbankern, wenn sie geräuschlos ihre Arbeit machen können. 80 Millionen Zahlungen pro Tag verarbeite die Notenbank beispielsweise, erklärt Vorstand Thiele: «Ohne die Deutsche Bundesbank läuft in Deutschland nichts. Wenn keine Rente gezahlt wird, wenn kein Arbeitslosengeld gezahlt werden kann, wenn keine Waren gekauft werden können, weil es im Zahlungsverkehr oder in der Bargeldversorgung einen Zusammenbruch gibt, dann würde man erst erkennen, welche Leistung die Bundesbank in diesem Zusammenhang erbringt.»

So manche Schlagzeile produzierte Deutschlands Notenbank in ihrer 60-jährigen Geschichte gleichwohl: Nach einem Aufenthalt in einem Berliner Luxushotel auf Kosten der Dresdner Bank («Adlon-Sause») trat im April 2004 der damalige Bundesbank-Präsident Ernst Welteke zurück. Im September 2010 räumte der ehemalige Berliner Finanzsenator Thilo Sarrazin seinen Vorstandsposten bei der Notenbank, nachdem es zuvor wochenlang hitzige Debatten über seine Thesen zur Integration von Muslimen in seinem Buch «Deutschland schafft sich ab» gegeben hatte.

Von solchen Eskapaden abgesehen, bestätigte die Bundesbank vor allem durch Standfestigkeit ihre politische Unabhängigkeit: Als 1997 der damalige Bundesfinanzminister Theo Waigel (CSU) eine Höherbewertung der Goldreserven und die Ausschüttung daraus resultierender Gewinne an den Bund forderte, weigerte sich die Notenbank erfolgreich - und wusste die Bevölkerung hinter sich. Zeitungen empörten sich damals über Waigels «Operation Goldfinger» und die «Vergewaltigung» der Notenbank. Schon ein Jahr zuvor hatte Wim Duisenberg, später erster EZB-Präsident, konstatiert: «Mit der Bundesbank ist es wie mit Schlagsahne: Je mehr man sie schlägt, umso fester wird sie.»

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