Zwei Thai-Karrieren – nicht untypisch

Aus nächster Nähe konnte Carlos über Jahre zwei Thai-Karrieren beobachten, die hierzulande leider immer wieder vorkommen und vielfach nur ein Achselzucken auslösen bei all denen, deren eigene Chancen nicht viel besser stehen.

Song, aus einem Dorf in der Nähe von Sakon Nakhon, ist heute vierunddreißig Jahre alt, sieht aber deutlich älter aus. Als Carlos sie zum ersten Mal sah, war sie gerade neunzehn Jahre alt, zweifelsohne eine Schönheit, wenn auch nicht gerade die intelligenteste. Mit einer Freundin aus ihrem Dorf war sie nach Pattaya gekommen, um hier in einer Bar ihr Glück zu machen.

Ihre Schönheit zahlte sich aus

Mit ihrer Schüchternheit und Unbeholfenheit erregte sie das Mitgefühl von Carlos, der ihr immer wieder mal einen Drink spendierte oder ihr einen Schein zusteckte, wenn das Geld für die Miete des Zimmers fehlte, das sie sich mit ihrer Freundin teilte. Dabei verfolgte er keinerlei Absichten, und falls er Gefühle für Song entwickelte, dann waren es allenfalls väterliche. Es entstand zwischen beiden so etwas wie eine Freundschaft. Song erzählte ihm ihre Lebensgeschichte, die aus Arbeit, Armut und einer viel zu kurzen Schulzeit bestand. Ihre Schönheit zahlte sich dann aber doch aus. Nachdem sie ihre Schüchternheit überwunden hatte, wurde sie für Farangs zur beliebtesten Braut in der Bar, allerdings meistens nur für eine Nacht – warum auch immer. Sie veränderte sich stark, gab das verdiente Geld mit vollen Händen aus und genoss ihr junges Leben. Whisky, Schmuck, teure Klamotten und Karaoke-Bars wurden für sie zum Lebensalltag, und wenn Carlos sie darauf ansprach, antwortete sie mit treuem Augenaufschlag: "Wer sein Geld großzügig ausgibt, der bekommt von unserem Lord Buddha alles doppelt und dreifach zurück." Stattdessen bekam sie von einem angeblichen Lord ein Baby. Der "Lord" verschwand spurlos und Song in den Isaan, wo sie sich ein Jahr lang bei den Eltern um den Nachwuchs kümmerte, bevor sie allein nach Pattaya zurückkehrte. Sie wurde bei der Auswahl ihrer Freier wählerischer, und wirklich gelang es ihr nach einiger Zeit, einen älteren Schweizer zu angeln, der mit ihr zusammenleben wollte. Er war vermögend, kaufte ein großes Appartement und ein teures Auto. Er verwöhnte seine geliebte Song, und ihr gemeinsames Leben glich einer dreizehnjährigen Reise durch das Glück. Bis vor drei Monaten, als der Schweizer plötzlich starb und Song unversorgt zurückließ. Es gab kein Testament. Seine Söhne verkauften die Wohnung und das Auto, lösten die Konten auf und schickten Song mit einem Taschengeld nach Hause zu ihren Eltern, zu ihrem Kind, zur Arbeit auf dem Reisfeld und zurück in die Armut.

Die große Chance im Visier

Die Karriere von Sam ähnelt der von Song – zumindest am Ende. Auch er kam vor Jahren aus dem Isaan und baute auf das große Glück in Pattaya. Eines Morgens stand der Einundzwanzigjährige vorm Haus von Carlos, deutete auf dessen Garten und meinte, da müsste mal ein Gärtner ran. "Bist du denn ein Gärtner?" fragte Carlos. Der junge Mann nickte und machte sich an die Arbeit. Nach einer Woche hatte er keine Lust mehr. Er ließ sich seinen Lohn auszahlen und verschwand. Aber immer wieder einmal lief er Carlos über den Weg, meistens in Begleitung älterer Farangs. Er erzählte Carlos, dass es ihm sehr gut ginge. Er konnte sich inzwischen ein eigenes Zimmer leisten, besaß bald einen Fernseher, ein Handy und goldene Ketten, Ringe und Armbänder. Das Leben war ein einziges Liebeslied und wurde zur Operette, als er Hubert, den österreichischen Dirigenten kennen lernte. Sie wurden ein Paar, und Sam durfte seinen Liebhaber von Pattaya aus immer wieder auf dessen Konzertreisen in alle Welt begleiten. Das einzige Hindernis: Sam interessierte sich nicht im Geringsten für klassische Musik. Während der Proben und Konzerte amüsierte er sich in den Discos und Bars von Prag, Wien, Berlin oder Paris. Und während die Libido des Dirigenten mehr und mehr verebbte, entfaltete sie sich bei Sam zur Sucht. Ganze Tage und Nächte ließ er Hubert allein, der mehr und mehr kränkelte und bald ganz zu arbeiten aufhören musste. Vergeblich versuchte er die alte Nähe zu seinem Freund wieder herzustellen, aber der wies ihn kalt ab: "Was willst du von mir? Du bist alt, du bist krank, du kannst nichts mehr. Sei froh, wenn ich trotzdem bei dir bleibe." Und Hubert war wirklich froh über diesen kleinen Rest an Gemeinschaft, denn er liebte Sam.

Der wilde Vogel Glück aber flog davon. Bei Sam diagnos-tizierten die Ärzte HIV im fortgeschrittenen Zustand. Im Streit mit Hubert gab er sogar zu, diesen wissentlich infiziert zu haben. Das war das Ende einer wohl einseitigen Leidenschaft. Hubert zahlte für das gemeinsame Appartement drei Monatsmieten im Voraus, packte seine Siebensachen und verschwand über Nacht aus der Stadt. Keiner weiß wohin. Und auch Sam wurde hier nie wieder gesehen.

Carlos meint, Kurzsichtigkeit, in den Tag hineinleben, genießen und nur nicht an mögliche Probleme der Zukunft denken, das ist für viele Thais das beherrschende Lebensmotto. Dass ältere Farangs sich in ihrer Eitelkeit von der angeblichen Liebe junger Thais blenden lassen, ist die andere Seite der Medaille.

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Leserkommentare

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Thomas Thoenes 21.01.16 20:48
Pattaya Karriere
Ich denke im Schnitt enden 7-8 von 10 "Pattaya Karrieren" auf diese Weise. Mit +35 nach einer Thai und anschließend zwei Farang Beziehungen gehts zurück in den Isaan wo den ausgegebenen THB's nachgetrauert wird. Aber wie so vieles lässt sich das schon garnicht von uns Farangs ändern. Einer/m Thai etwas zu erklären ist so wie der Versuch einer Nonne einen Orgasmus zu erklären. Geht nur gaaaaanz selten. :-)
Gerd Hoffner 04.06.14 09:41
Naivität
Diese leiden traurigen Beiträge kann man so oder so kommentieren. Die glänzende Seite der Medaille würde sagen:” das geht mich nichts an, selber Schuld wenn man so blind & blöd ist und jedem glaubt. Die stumpfe Seite der Medaille würde sagen:” ja das glaube ich da ich diese Situation leider auch kenne nur habe ich daraus meine Konsequenzen gezogen, lebe alleine mit mir & meinem Telefonbuch. Man vergisst bei diesem „Lieblingsthema“ immer die Menschlichkeit, die ausgenutzt wird bzw. wurde so wenn man es zulässt. Ich habe genug Menschen, w/m, getroffen die sagten: “Nein, Nein, meine(r) ist anders, würde sie(er) nie machen, sie(er) liebt mich wirklich, genau, bis zu dem Zeitpunkt wo der Farang auf den Partner angewiesen ist, meist wie beschrieben bei Krankheit. Ich habe bei vielen versucht, zu warnen, zu beschreiben, das „Spiel“ zu erklären aber leider oft ohne Erfolg. Viele verlassen das Land mit leeren Taschen aber dafür mit roten, verweinten Augen, innerlich gebrochen und ohne Ziel Richtung Heimat abfliegend. Viele denken diese Leute kommen nur wegen Sex, Sex und nochmals Sex nach Thailand um sich auszutoben und die restlichen Tage zu genießen. Die Tatsache ist aber die das diese Menschen , ob Mann oder Frau , ich traf beide ...von Hause aus einsam waren, meist ohne Kinder oder Enkel die Sie eh nur ins Seniorenheim abschieben würden, diese dann, ob Fehler oder nicht steht mir nicht zu beurteilen, sich mehr und mehr an den neu gefundenen Partner geklammert haben und nun fallen gelassen wurden. Für diese Menschen brach bzw. bricht eine Welt zusammen. Blind, sind wir irgendwo alle, alle die die sich einbilden geliebt zu werden nur weil man es fast täglich zu hören bekommt. „Oh Honey, I love you too much” wie war das noch einmal??... Mein® ist ganz anders. Ich wünsche es Euch und hoffe Ihr müsst nicht irgendwann mal wach werden ... nur sollte man es doch bitte unterlassen diejenigen unter uns noch an den Pranger zu stellen nur weil sie es gut , ehrlich und überzeugt gemeint hatten aber leider „untergehen“ mussten, weil das Leben sie mal wieder „betrogen“ hatte. Man sollte sich eben nicht blenden lassen. Wer dann bei dieser Naivität der Farangs nicht wach wird, nun ja, der ist selbst dran schuld und dem ist nicht mehr zu helfen. Sawadee Khrab. G.Hoffner