Zwei Drittel vorbei im Schlecker-Prozess

Foto: epa/Jan-philipp Strobel
Foto: epa/Jan-philipp Strobel

STUTTGART (dpa) - Bis zuletzt hat Anton Schlecker an sein Lebenswerk geglaubt. Dass sein Drogerieimperium einmal in die Pleite schlittern könnte, war für ihn undenkbar - so jedenfalls hat es der 72-Jährige vor Gericht dargestellt. Aber stimmt das? Oder hat Schlecker sein Geld in Sicherheit gebracht, als er das Unheil kommen sah, wie die Staatsanwaltschaft ihm vorwirft? Seit März wird der Fall in Stuttgart vor Gericht aufgearbeitet. An diesem Freitag ist der 20. Verhandlungstag, dann geht es im September weiter. Fragen und Antworten zum aktuellen Stand:

Was genau wird Schlecker vorgeworfen?

Im Kern geht es darum, ob Anton Schlecker die Insolvenz seiner Drogeriekette erwartete und deshalb Geld beiseite geschafft hat, mit dem er als «eingetragener Kaufmann» hätte haften müssen. Schlecker ging 2012 in die Insolvenz. Die Staatsanwaltschaft meint aber, dass schon Ende 2009 die Zahlungsunfähigkeit drohte und der Gründer das gewusst hat. Sie wirft dem 72-Jährigen Bankrott vor. Er soll außerdem mehr als 25 Millionen Euro Firmengeld an seine Kinder verschoben haben, die wegen Beihilfe angeklagt sind. Im Konzernabschluss soll er den Zustand des Unternehmens falsch dargestellt und vor dem Insolvenzgericht falsche Angaben gemacht haben.

Das Verfahren gegen zwei Wirtschaftsprüfer, die fragwürdige Teile in der Schlecker-Bilanz nicht moniert hatten, wurde indes gegen eine Geldauflage von 45.000 Euro eingestellt. Auch Schleckers Frau konnte gegen eine Geldauflage von 60.000 Euro die Anklagebank verlassen.

Was sagt Anton Schlecker?

Meistens nichts. An den meisten Verhandlungstagen hört der 72-Jährige nur schweigend zu. Gut eine Stunde lang hat er zu Beginn des Prozesses seine Sicht auf die Dinge dargelegt, und noch einmal vor gut einem Monat. Von der Fortführung der Drogeriekette sei er immer überzeugt gewesen. «Die Insolvenz für mein Unternehmen war für mich unvorstellbar», beteuerte er im März. Er habe immer an eine erfolgreiche Sanierung geglaubt. Handelspartner und Versicherer, legte er außerdem dar, hätten Schlecker zu früh aufgegeben. Im Januar 2012 sei dadurch das Rad zum Stillstand gekommen.

Geldgeschenke und andere Zahlungen, mit denen er vor der Insolvenz Kinder und Enkel unterstützt habe, stünden in keinem Zusammenhang mit einer drohenden Zahlungsunfähigkeit. Sein Handeln sei nicht von dem Motiv getragen gewesen, Vermögen zu beseitigen, Gläubiger zu benachteiligen oder eine Straftat zu begehen, beteuerte Schlecker.

Wie bewerten Experten den Fall?

Ein von der Staatsanwaltschaft beauftragter Gutachter kam im Prozess zu dem Schluss, dass die Insolvenz schon Ende 2009 absehbar gewesen sei. Ein zweiter Experte, von der Verteidigung beauftragt, meint hingegen, dass Schlecker erst Ende 2011 habe absehen können, was seiner Firma droht.

Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz sprach vor Gericht von einem «sehr unüblichen Großinsolvenzverfahren» - allein schon, weil der gelernte Metzgermeister Schlecker sein Milliarden-Imperium als Einzelkaufmann geführt hatte. Als einen Grund für den Niedergang nannte Geiwitz das zu lange Festhalten am Konzept mit vielen kleinen, unattraktiven Läden. Dadurch hätten sich Verluste angehäuft. Alleine 2011 wurde mit einem Minus von 200 Millionen Euro gerechnet. Konkurrenten wie Rossmann oder dm waren Schlecker laut Geiwitz mit ihren Konzepten weit voraus. Der Verwalter glaubte aber auch: Mit anderem Konzept und deutlich weniger Filialen wäre Schlecker möglicherweise sanierbar gewesen - letztlich fehlte bloß ein Käufer.

Wie geht es weiter?

Nach der Sommerpause steht der nächste Verhandlungstag am 4. September an - das Gericht tagt auswärts, in Ehingen an der Donau, wo Schlecker seinen Sitz hatte. Ende September und Anfang Oktober werden Zeugen in der Schweiz vernommen. Die Wirtschaftsstrafkammer hat für den ursprünglich bis Oktober geplanten Prozess vorsorglich weitere Termine bis zum 27. November festgelegt. Ob die alle gebraucht werden, ist noch offen.

Ungeklärt ist außerdem immer noch, was die Gläubiger einmal bekommen werden. Sie haben Forderungen in Höhe von mehr als einer Milliarde Euro angemeldet. 300 Millionen Euro will Geiwitz bei Lieferanten einklagen, die mit Kartellabsprachen die Preise für Shampoos oder Cremes manipulierten - auch zu Lasten des einstigen Großkunden Schlecker. Die würden dann in die Insolvenzmasse fließen. Davon sollen auch die ehemaligen Mitarbeiter profitieren.

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Leserkommentare

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Jürgen Franke 14.08.17 13:33
Es ist zu hoffen, dass aus der Insolvenzmasse
etwas für die ehemaligen Mitarbeiter übrig bleibt.