Wissenschaft

Es ist ein kühler, stürmischer Abend.

Nai blättert in einer Frauenzeitschrift herum und lacht zwischendurch erheitert auf.

Ich mag diese Ausbrüche an ihr, sind sie doch Ausbrüche ihrer Lebensfreude.

Ich bin vertieft in die Lektüre der Bangkok Post, lese gerade von der Festnahme einer russischen Mafiabande, die seit Monaten alten, alleinstehenden Ausländern ihre Hilfe anbietet, wenn diese Probleme mit den ATM-Maschinen haben und gleichzeitig deren Konten abräumt.

Meine Herzallerliebste stört mich bei der Zeitungslektüre.

"Callolo, zeig mal deine Finger. Wenn der Zeigefinger kürzer ist als der Ringfinger, stirbst du an Krebs, wenn er länger ist, an einem Herzinfarkt."

"Das ist mir egal, mein Schatz, die Hauptsache ist, es geht schnell."

"Aber die Wissenschaft…"

"..die geht mir am Allerwertesten vorbei."

"So darfst du nicht reden, Callolo, ohne die Wissenschaft würden wir alle schon mit 40 oder 50 Jahren Tapiokawurzeln von unten ansehen."

"Okay", erwidere ich, "dann zeig mir mal deine Ohrläppchen."

"Was soll das denn bedeuten?"

"Das ist wegen der Wissenschaft. Wenn deine Ohrläppchen angewachsen sind, wirst du im Gefängnis enden."

"Ist das wahr, Callolo?"

"Das sagt die Wissenschaft, mein Schatz."

"Oh, Gott!"

Ihre Ohrläppchen sind angewachsen.

"Und was machen wir jetzt, Callolo?"

"Du kannst sie operativ korrigieren lassen."

"Und danach?" Sie schaut mich ziemlich verstört an.

"Danach kann derjenige, der die Operation bezahlt hat, darüber entscheiden, ob du ins Gefängnis kommst oder bei ihm bleiben darfst."

"Callolo, du lässt mich doch nicht im Stich – oder…?"

"Das hängt natürlich auch ein bisschen von dir ab, mein Schatz."

"Inwiefern?"

"Nun, deine Ohrläppchen sind das Eine, aber du hast ja zum Glück noch zwei knackige Brüste. Und weißt du, was die Wissenschaft dazu sagt?"

"Verrate es mir, Callolo."

"Die Wissenschaft sagt: Solange die aufrecht stehen, bleibt dein Schatz bei dir."

Nai mustert mich einen Augenblick lang, als hätte ich einen schmutzigen Witz erzählt.

Sie schaut mich von oben bis unten an. Dort bleibt ihr Blick hängen, und dann sagt sie grinsend zu mir:

"Callolo, was mich betrifft, so gilt das Gleiche für dich."

"Hä?" Ich brauche einige Zeit, bis ich verstanden habe, was sie meint.

Sie ist inzwischen – was soll ich dagegen machen? – durch mich total emanzipiert.

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