Wer gierig ist, verfehlt sein Glück


übersetzt von Dr. Christian Velder

Ein Bauer hatte vor, in die Stadt zu fahren, um dort einzukaufen. Bevor er sich auf den Weg machte, ging er zum Dorfältesten und fragte ihn:

"Herr Dorfvorsteher, ich habe in der Stadt zu tun. Soll ich euch etwas mitbringen?”

Der Dorfvorsteher dachte einen Augenblick nach. Es war der Tag der Lotterieziehung. Er holte aus seiner Kammer zehn Baht. Die gab er dem Bauern und sagte:

"Du kannst mir ein Los kaufen. Denn heute ist Ziehung. Sonst brauche ich nichts. Vielen Dank.”

Der Bauer steckte den Geldschein in seine Umhängetasche, stieg aufs Fahrrad und fuhr in die Stadt. Als er seine Besorgungen erledigt hatte, kaufte er dem Dorfältesten ein Los, nahm auch eins für sich selbst und radelte heim. Inzwischen war die Mittagszeit vorüber und die Stunde der Ziehung gekommen. Der Bauer kam mit seinem Fahrrad an mehreren Dörfern vorüber, und dort hatten sich die Bauern am Wege versammelt, um im Radio zu hören, welche Endziffern gewonnen hatten. Auf diese Weise erfuhr auch der Bauer davon. Denn als er an einem Kaufladen vorbeikam, vernahm er die Stimme der Ansagerin. Er stieg vom Fahrrad, zog seine Lose hervor, und tatsächlich, die Endziffern eines der beiden Lose in seiner Hand waren auf der Gewinnliste. Gewonnen hatte das Los des Dorfvorstands. Das machte den Bauern neidisch. Es hätte ja auch gerade umgekehrt sein können! Dann wäre der Gewinn auf ihn selbst gefallen!

Mit diesen oder ähnlichen Gedanken traf er schliesslich in seinem Dorfe ein. Er suchte den Dorfältesten auf und händigte ihm das Los ein, das er in der Stadt für sich selbst gekauft hatte. Das Los des anderen behielt er. Der Dorfälteste bedankte sich, und der Bauer machte, dass er nach Hause kam.

Zwei Tage später wurden in der Zeitung die Gewinn-Nummern der Bangkoker Ziehung veröffentlicht. Der Dorfälteste verglich sein Los mit der Liste, und da war es klar, das Los, das er in Händen hielt, gehörte zu dieser Ziehung, und es war der Höchstgewinn!

Das Los, das der Bauer für sich behalten hatte, wies dagegen nur die richtigen Endziffern auf, gewonnen hatte es nicht. Der Bauer hatte das Nachsehen. Unternehmen konnte er allerdings nichts. Denn sein Missgeschick hatte er sich selbst zuzuschreiben. Wie hiess es doch in dem uralten Sprichwort?

Wer gierig ist, verfehlt sein Glück.

• • •

Der Hauptgewinn
Ein wohlhabender Beamter hatte es sich zur Regel gemacht, an jeder Ziehung der staatlichen Lotterie teilzunehmen. Er sagte sich nämlich, wenn er verlor, so bedeutete das, er habe dem Staat einen kleinen Teil seines Gehaltes zurückgezahlt. Wenn er aber gewann, wohlan, dann hatte der Staat seinen Einsatz zusätzlich belohnt! Kein Grund zur Sorge also.

Die Art und Weise der Beteiligung des Beamten an den Ziehungen indes war sehr verschieden von der anderer Teilnehmer. Denn er kaufte stets einen ganzen Block mit allen zwanzig Losen darin. Er meinte, wenn er gleich einen vollen Block kaufte, erhöhte sich seine Gewinnchance, und er stand ganz anders da als jemand, der immer nur ein einzelnes Los oder zwei aus einem Block auswählte und sich dann darüber ärgerte, just die falschen Lose genommen zu haben. Nein. Von solch einem Ärger blieb er verschont, wenn er immer einen ganzen Block kaufte.

Am Tage vor der nächsten Ziehung trat die Losverkäuferin wie immer in sein Arbeitszimmer, und der Beamte fragte sie:

"Hast du wieder einen Block mit vollständig allen Losen dabei?”

Die Verkäuferin sah ihren Vorrat durch, und da erwies es sich, einen unberührten Block hatte sie nicht mehr. Sie schaute noch ein- oder zweimal nach, aber das Ergebnis war immer das gleiche. Sie sagte:

"Herr! Meine Blocks sind alle schon angerissen. Immerhin aber ist einer dabei, wo nur ein einziges Los herausgetrennt worden ist. Wenn du ihn haben willst, hier ist er!”

Der Beamte überlegte einen Augenblick und antwortete:

"Gib her! Wenn dieser Block auch nicht mehr ganz vollständig ist, so fehlt ihm doch nur ein Blatt allein. Das soll mir schon recht sein!”

Er nahm also den Block und bezahlte ihn. Am nächsten Tage wurden am Nachmittag die Ergebnisse der Ziehung veröffentlicht. Ein Junge brachte die Liste mit den Nummern der Treffer, und wer wollte, kaufte ihm ein Blatt ab. Der Beamte rief ihn zu sich, und als er das Blatt überflog, zeigte es sich, dass der Hauptgewinn auf ein Los just aus der Serie in dem Block des Beamten gefallen war.

Voller Freude blätterte der Beamte seinen Block durch, aber da sah er, dass die Nummer des Haupttreffers fehlte, ausgerechnet dieses Los war es gewesen, das zuvor schon aus seinem Block herausgetrennt worden war. Der Beamte musste lachen. Er sagte:

"Meine Verdienste waren nicht stark genug. Sie reichten nur für die neunzehn Nieten, aber nicht für den einen Treffer, der sich unter den Nieten verborgen. Im Wettkampf der Ruderer auf ihren Booten und Flössen siegt die Mannschaft, deren Geschicklichkeit am grössten ist. Aber mit seinem Schicksal sollte niemand in Wettstreit treten, der seiner früheren Verdienste nicht sicher ist.”

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