Unter Dummen ist der Kluge verloren

übersetzt von Dr. Christian Velder

Es waren einmal vier Taugenichtse. Sie lebten im Wald. Eines Tages kamen sie heraus, um in einem Dorftempel in den Orden einzutreten.

Als sie das geschafft hatten, setzten sie sich zusammen und überlegten, was sie nun anstellen könnten. Sie verfielen auf die Idee, erst einmal die Bauern im Dorf für sich einzunehmen. Sie heckten einen Plan aus, stahlen den Bauern Rinder und Wasserbüffel aus den Gehöften und trieben sie in den Wald. Als die Bauern am Morgen in den Tempel kamen, um sich Rat zu holen, konnten die vier Mönche natürlich Auskunft geben, wo sie am besten suchen sollten, um ihre Tiere wiederzufinden, ihre lieben Rinder und Büffel. Die Bauern trafen an der angegebenen Stelle auch richtig auf ihre Tiere und glaubten von Stund’ an, dass die vier mit den allerheiligsten Sehergaben ausgestattet seien. Sie brachten ihnen Silber, Gold und erlesene Speisen, und davon eine Menge.

Die vier Mönche hatten nun Silber und Gold, und sie nahmen davon und besorgten sich Schnaps. Aber sie wollten das vor den Bauern selbstverständlich geheimhalten. Deshalb besprengten sie die Tempelmauer mit Weihwasser und sagten den Bauern, dass sie eine wichtige heilige Handlung vornehmen müssten in der Nacht und dabei nicht gestört werden dürften. Sie verboten den Dorfbewohnern rundheraus, je wieder nach Sonnenuntergang und vor Sonnenaufgang den Tempel zu betreten. Wer jedoch nicht gehorchen würde, in den würde ein Geist fahren, der Geist der Dummheit!

Als die Mönche die Bauern auf diese Weise eingeschüchtert hatten, setzten sie sich zusammen, und so war ihre Trinkrunde gegründet. Jede Nacht feierten sie in dieser Weise dort im Tempel und lebten in Saus und Braus. Eines Nachts kehrte einer der Dörfler nach langer Abwesenheit aus dem Walde zurück. Er wusste nichts von den Vorgängen im Dorf und begab sich als erstes in den Tempel. Da sah er die vier Mönche in der Runde Schnaps trinken. Eilends verliess er den Ort, um den Bauern Bescheid zu sagen:

"Die Mönche in unserem Tempel trinken Schnaps, kommt mit und seht es euch an!”

Die Dorfbewohner alle dachten nichts andres, als dass der Mann nun vom Geist der Dummheit besessen sei, weil er doch den Tempel entgegen dem Verbot in der Nacht betreten hatte. Sie drangen auf den Mann ein, und im Nu war er gefesselt.

Die vier Mönche hatten das Getümmel im Dorf gehört und kamen schwankend aus dem Tempel heraus, um nachzusehen, was es gebe.

Die Bauern erzählten es ihnen, und die Mönche nahmen den Mann in den Tempel mit. Dort bedrohten sie ihn und erpressten von ihm das Versprechen, nichts davon je zu verraten, dass er sie habe Schnaps trinken sehen.

Als sie auf diese Weise handelseinig geworden waren, liessen sie ihr Opfer frei. Der Mann verliess den Tempel in aller Hast. Er kehrte in sein Dorf zurück, aber es gelang ihm nicht, den Bauern zu verheimlichen, was er nun sicher wusste, nämlich die ganze Wahrheit. Die Bauern verstanden nur soviel, dass er immer noch vom Geist der Dummheit besessen sei. Sie holten gemahlenen Chilipfeffer und bliesen ihn in seine Augen. Dann fesselten sie ihn an einen der Tragpfeiler seines Hauses...

Die Lehre von der Geschichte? Unter Dummen ist der Kluge verloren.

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Eines Mönches Glück

Ein alternder Mönch kam herbei, als er ein junges Mädchen hinaufschauen sah in die Äste eines Mangobaumes am Rande des Tempelgartens. Das Mädchen sah die reifen Mangos, aber hinaufzuklettern wagte es nicht, denn es fürchtete sich vor den Feuerameisen im Baume. Der Mönch hatte seinen Kokosbesen in der Hand und trat wie von ungefähr heran.

"Frauchen, was machst du denn da?”

"Ich habe Appetit auf die reifen Mangofrüchte dort. Ich möchte hinaufsteigen, aber klettern kann ich nicht. Onkelchen, kannst du dich wohl noch hochziehen, um mir Mäuschen eine Frucht zu reichen? Dann schenk’ ich dir auch etwas Schönes.”

So lautete der Vorschlag, den die junge Frau dem Mönch machte, und da waren sie beide handelseinig.

"Wenn du, Onkelchen, auf den Baum gestiegen bist und mir kleiner Maus deine Mangos bringst, so bekommst du von mir eine Belohnung!”

Der Mönch wartete nicht lange, er hob sein gelbes Gewand, knotete es um die Hüften fest, so dass es seinen Körper stramm überspannte. Dann erklomm er den Mangobaum. Die roten Ameisen drangen in sein Gewand ein, stachen ihn, und er musste sie gewähren lassen. Er rief hinunter:

"Kleine Frau, mach dich bereit, lockere deinen Rock und löse dein Obergewand, gleich komme ich zu dir, nutzen wir die Zeit!”

Der Mönch verschloss seine Ohren und kniff die Augen zu. Was er an Mangos greifen konnte, riss er ab. Unreife, reife und schon faulige Früchte warf er hinunter zur Erde. Sowie er alles abgeerntet hatte, sprang er vom Baume herab zu Boden – tup – da stand er wieder auf seinen zwei Beinen. Er blickte um sich, aber die junge Frau konnte er nirgends entdecken, sie war fort. In seiner Erregung und Eile glitt er auf einer angefaulten Mangofrucht im Grase aus und schlug der Länge nach hin. Sein Kopf stiess an den Stamm des Mangobaumes, und es vergingen ihm die Sinne. Nicht lange dauerte es, da war er tot.

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