Träume und Wunder

Träumen Sie nachts im Schlaf? Ich träume jede Nacht, aber am anderen Morgen habe ich meis­tens vergessen, wovon ich träumte.

Als ich ein Kind war, ein sehr junges Kind, sagte meine Mutter, nachdem wir gemeinsam das Nachtgebet gesprochen hatten: „Wenn du jetzt einschläfst, dann kommt ein Engel zu dir und legt dir zwei Flügel und einen Zauberstab auf dein Bett. Damit kannst du fliegen, wohin du willst. Und wenn irgendetwas dich bedroht, brauchst du nur den Zauberstab zu zeigen und alle Bedrohungen werden zurückweichen.“

Und so kam es. In meinen Träumen flog ich über unsere Stadt, über unser Land, und wenn die Kraft des Fliegens erlahmte, wenn ich landen musste und böse Kreaturen mich bedrohten, dann sorgte mein Zauberstab dafür, dass die sich schnell verzogen. Diese Träume begleiteten mich über einige Jahre und bescherten mir eine glückliche frühe Kindheit. Ein großartiges Geschenk!

Später bin ich mit dem Fallschirm geflogen oder im Flugzeug. Aber nie habe ich die Freiheit des Fliegens dabei wieder erlebt wie damals, als kleines Kind.

Später ersetzte ich dieses Gefühl durch Fantasie, die mich ebenfalls zum Fliegen brachte – sogar im realen Leben. Ich habe Projekte realisiert, die ich unter normalen Umständen nie begonnen hätte, habe Pläne durchgeführt, die scheinbar undurchführbar waren. Es hat geklappt. Wenn ich heute daran zurückdenke, erscheint mir vieles wie ein Wunder. Aber was wäre mein Leben ohne Wunder gewesen? Als Kleinkind hat man mich vor ein Auto geschubst. Ich habe es überlebt. Ich bin in einen Fluss gefallen und war schon hinüber, aber man hat mich in die Welt zurückgeholt. Zehn Jahre lang habe ich meinen Geburtstag am 25. Dezember im „Sandy House“, einem Hotel am Patong Beach in Phuket gefeiert, direkt am Meer. Aber als der Tsunami kam, war ich erstmals nicht mehr da, sondern in Pattaya. Ansonsten wäre ich mit dem Hotel und den Passagen dahinter hinweggeschwemmt worden, zusammen mit Tausenden anderen.

Seitdem frage ich mich: Wieviele Wunder braucht ein Leben? Oder ist es Glück? Vielleicht gar nur Zufall? Gibt es etwa einen Steuermann dafür? Ist es nicht auch ein Wunder, dass ich jetzt schon bei guter Gesundheit fast alle meine Vorfahren altersmäßig überholt habe? Dass man nach dem 2. Weltkrieg in einem Land lebte, wo man später vor Hunger und Krieg verschont blieb? Dass man nicht plötzlich eine tödliche Krankheit bekam? Nein, ich rede nicht von Religion – obwohl es nicht abwegig wäre. Ich rede von Dankbarkeit. Dankbarkeit gegenüber dem Schicksal, dass mich und meine Familie verschonte, weil wir am Abend vor dem großen Bombenangriff auf meine Heimatstadt im April 1945 zu Bekannten in ein Dorf gegangen sind, während alle anderen Familien in dem großen Haus am anderen Morgen unter den Trümmern begraben wurden. Ein „Fingerzeig Gottes“, sagen gläubige Christen. Ich aber frage mich, was war der Grund dafür, dass ausgerechnet wir verschont und alle anderen Mitbewohner getötet wurden? Mein Leben besteht aus Wundern, für die ich nicht die geringste Erklärung finde. Sie sind mir geschehen, obwohl ich sie weder erhofft, noch erwartet oder gar begehrt hatte. Sie sind einfach geschehen. Natürlich weiß ich, dass es genug sogenannte Wunderheiler und Wundertäter gibt, die mit ihren angeblich unerklärlichen Taten das Wunder entzaubert haben. Aber das hat mit meinem Leben nichts zu tun.

Dass ich einmal in Thailand ein neues Zuhause finden würde, es stand vorher außerhalb aller Vorstellungen. Welche Konstellationen an Zufällen und Glück, an Schicksal und Begebenheiten, mussten dafür zusammen kommen?

Oder ist es vielleicht so, dass ich immer noch träume, immer noch durchs Leben fliege wie damals? Verfüge ich immer noch über den Zauberstab, der alles Unheil von mir abwendet?

„Quatsch“! „Dummheit“. „Einbildung“, würden die meis­ten dazu wohl sagen. Und was sagte Ben Gurion? „Wer nicht an Wunder glaubt, ist kein Realist“.

Sei es drum, jetzt ist Weihnachten. Gläubige Christen sind der Meinung, es sei das größte Wunder der Welt, dass Gott der Herr seinen eingeborenen Sohn in die Welt gesandt hat, um die Menschen zu erlösen.

Ihnen allen, und auch allen anderen Lesern wünsche ich frohe Weihnachten und ein gesundes und glückliches neues Jahr.

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Leserkommentare

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Wolfgang Kadatz 25.12.16 13:25
Ich danke Ihnen für diese schöne Geschichte und die Weihnachtsgrüße. Ihnen auch schöne Feiertage, Wolfgang