So läuft eine Klimakonferenz

Eine kulturelle Darbietung vor dem Pavillon der Republik Fidschi. Foto: epa/Ronald Wittek
Eine kulturelle Darbietung vor dem Pavillon der Republik Fidschi. Foto: epa/Ronald Wittek

BONN (dpa) - Ein Satz fällt in diesen Tagen in Bonn immer wieder. In der Formulierung leicht abgewandelt, aber in der inhaltlichen Ausrichtung immer gleich, hört man ihn im Zug und in der U-Bahn, ja sogar von Wachleuten der Weltklimakonferenz selbst. Er lautet im rheinischen Original: «Is dat auch wirklisch irjend wofür joot hier?» (Ist das auch wirklich irgendwofür gut hier?)

Manchmal können einen schon leise Zweifel beschleichen, ob das alles in dem Umfang sein muss: eine jährliche Klimakonferenz mit 25.000 Teilnehmern. Nur eine Minderheit davon verhandelt auch wirklich mit, die anderen sind bloß Beobachter. Ihr Reich ist eine Zeltstadt, die auf den ersten Blick an eine aufwendig hergerichtete Tourismus-Messe für Öko-Reisen erinnert. Russland wirbt mit Bären und Tigern, Fidschi mit schönen Stränden. Und draußen in den Rheinwiesen nebelt's. Wo kann man hier buchen?

In den Sälen des World Conference Center sitzen die Delegierten zusammen. Kommen sie voran? Auf diese Frage gibt der Oxfam-Klimaexperte Jan Kowalzig - ein Konferenz-Veteran - die schöne Antwort: «Die Verhandlungen sind zwar zäh, aber im Großen und Ganzen nicht zäher, als man es erwarten würde.»

Man kann sich das Ganze vielleicht vorstellen wie einen gigantischen Elternabend in der Schule. Erstmal gibt es ein großes Hallo - man hat sich lange nicht gesehen. Dann geht's mit einer gewissen Verzögerung los. Es gibt noch Anmerkungen zur Tagesordnung. Es wird ein Ausschuss gebildet. Ein paar Typen nerven - das ist hier zum Beispiel die Türkei, die zwar einerseits als wichtiges Industrieland anerkannt sein will, aber andererseits auch gern wie ein Entwicklungsland Zuschüsse bekäme. Da muss dann schon mal eine Respektsperson mahnende Worte sprechen - in Bonn tut das hin und wieder Staatssekretär Jochen Flasbarth, ein weißhaariger Mann aus Duisburg-Rheinhausen, der seit Jahrzehnten im Umwelt- und Klimaschutz aktiv ist.

Quälend langsam geht es voran. Irgendwann kursieren «Non Papers» - «Nicht-Papiere». Gemeint sind inoffizielle Textentwürfe. Das gilt schon als Erfolg. «Als Beobachterin dieser und letzter Konferenzen frage ich mich immer wieder: Warum dauert das alles so lange?» Mit diesem Stoßseufzer steht die Energie-Referentin vom katholischen Entwicklungshilfswerk Misereor, Kathrin Schroeder, wohl nicht allein da. Sie fühlt sich durch die Verhandlungen an einen «komplizierten barocken Tanz» erinnert.

Aus Regierungsdelegationen heißt es dagegen, gerade zu großer Druck habe sich in der Vergangenheit stets als kontraproduktiv erwiesen. Es gibt dann immer welche, die blockieren.

Eines muss man sich klarmachen: In den Klimaverhandlungen versuchen fast alle Länder der Welt, sich auf ein allgemein gültiges Regelwerk zu einigen. Wie genau soll zum Beispiel der CO2-Ausstoß gemessen und angegeben werden? Damit nicht geschummelt werden kann, braucht man dafür einheitliche Standards. Einen solchen Regelkatalog für ausnahmslos alle Länder hat es eigentlich noch nie gegeben - auf keinem Feld der zwischenstaatlichen Zusammenarbeit. Der derzeit laufende Prozess ist also eine Weltpremiere.

Dass sich überhaupt alle an einen Tisch setzen - auch Länder, die miteinander verfeindet sind - grenzt an ein Wunder. Möglich wurde es nur, weil irgendwann auch der letzte begriffen hat: Wenn wir nichts machen, gehen wir alle gemeinsam unter. Buchstäblich. Die einzigen, die neuerdings nicht mehr dabei sind, sind bekanntlich die USA. Ihre Delegation tritt in Bonn bisher recht kleinlaut auf.

Die Konferenzteilnehmer bewegen sich tagsüber fast ausschließlich auf einem streng bewachten Gelände. Das hat Raumschiff-Charakter. Aber abends kommen viele doch in Kontakt mit der realen Welt. Der Oxfam-Experte Kowalzig zum Beispiel übernachtet bei Freunden und wird dort regelmäßig von einer über 80 Jahre alten Nachbarin angesprochen. «Sie liest jeden Tag genau die Zeitung und ist bestens informiert», erzählt er. «Aber sie hat natürlich ihre eigene Meinung dazu.»

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