Sklaverei heute – ein Geschäft ohne Gnade

Bis auf Nordkorea gilt die Sklaverei überall auf der Welt als abgeschafft und wird – mehr oder weniger engagiert – strafrechtlich verfolgt. Überwunden ist sie jedoch bis auf den heutigen Tag nicht.

Die Vereinten Nationen schätzen, dass 12 Millionen Menschen heute in einer modernen Form der Sklaverei leben, von denen etwa die Hälfte im Kindesalter ist. Zahlreiche NGOs verdoppeln diese Zahl. Als Opfer von Zwangsarbeit, Menschenhandel und Prostitution findet man diese Rechtlosen nicht nur in Asien oder in den Golfstaaten sondern auch in Europa. Menschenhandel ist immer noch ein Riesengeschäft. Allein damit werden jährlich 32 Milliarden Euro erzielt. Wen wundert es, dass oft hochkarätige Politiker darin verwickelt sind?

Wir brauchen uns nur in Thailand umzusehen. Wer die Medien aufmerksam verfolgt, erfährt täglich von katastrophalen Menschenrechtsverletzungen. Viele Frauen werden mit unerfüllbaren Versprechungen ins Ausland gelockt, wo sie als Zwangsprostituierte über viele Jahre ihre angeblichen Reisekos­ten abarbeiten müssen. Arbeiter gehen freiwillig in die Golfstaaten, wo man ihnen als erstes den Pass abnimmt und zu Arbeiten zwingt, die kein Einheimischer zu tun bereit ist. Ob und wieviel sie als Entgelt dafür bekommen, das bestimmen die einflussreichen Chefs. Und wer nach Thailand zurück will, muss auch seinen Pass zurückkaufen. Oft landet er dann nach Jahren so arm wie zuvor in seiner Heimat. Und wer offenen Auges durch Thailand fährt, kann überall Kinder sehen, die Steine schleppen oder Ziegel herstellen. Dass verschuldete Reisbauern ihre Kinder als Pfand an ihre Gläubiger abgeben ist auch nicht selten, und dass die dann wie rechtlose Wesen behandelt werden, ist ebenso selbstverständlich wie sexueller Missbrauch. Wenn es dann – in seltenen Fällen – zu einer Gerichtsverhandlung kommt, heißt es oft, die Eltern seien selbst schuld, wenn sie ihre Kinder den Geldverleihern ausliefern. Mit Menschenhandel wird bis heute ebenso viel Geld verdient wie mit Zwangsarbeit und Zwangsprostitution. Und die gibt es auch bei uns in Deutschland und in anderen europäischen Staaten. Oder in Nigeria, Togo und Benin. Dort ist der Handel mit Kindersklaven noch an der Tagesordnung und gesellschaftlich akzeptiert. Der Tauschwert für ein Kind: ein Bett, Nahrung und umgerechnet bis zu 30 Euro. Dafür wird es ausgebeutet und missbraucht.

Natürlich geht Sklaverei auch immer einher mit Korruption, denn für all die damit verbundenen Straftaten bedarf es Hilfestellungen von Amtsinhabern, die sich dafür fürstlich bezahlen lassen. Tranparency International hat für Thailand einen Korruptionsanteil von 41 Prozent hinter Kambodscha und Myanmar festgestellt.

Wenn man sich unter Sklaverei allerdings nur die Entrechtung der Menschen vorstellt, ihren Verkaufswert oder deren uneingeschränkte Verfügbarkeit, dann greift das meiner Meinung nach zu kurz. Wenn Frauen in vielen Ländern immer noch als Besitz ihrer Männer angesehen werden – was ist das? Sie sind genauso rechtlos wie die Sklaven früherer Jahrhunderte. Auch Kinderarbeit in Asien ist völlig normal, und die Regierungen scheren sich kaum darum, selbst dort, wo dies gesetzlich verboten ist. Und wenn diese Kinder sich mit Farangs vergnügen? Na und? Hauptsache ist doch, dass sie Geld nach Hause schicken.

Die Trennlinie zwischen Sklaverei und freier Entscheidung ist heutzutage nicht mehr so eindeutig zu ziehen wie in früheren Jahren. Wer aus Armut alles erduldet ist ein Sklave, der ums Überleben kämpft, egal ob in den Bergwerken der dritten Welt, in den erbärmlichen Fabriken Asiens oder in den Betten dickwans­tiger Farangs. Sie werden relegiert, meist schlecht bezahlt und befinden sich in einer ausweglosen Lage. Am Ende sind sie allem bereit oder werden zu Kurieren der Drogenmafia. Irgendwo auf einem Flughafen in Europa werden ihnen dann Dutzende mit Rauschgift gefüllte Kondome aus dem Anus gezogen. Die Hintermänner bleiben verschont, aber die Kuriere landen im Knast. Viele Menschen sind bereit, den Begriff der Sklaverei auszuweiten, zum Beispiel auf reiche alte Herren, die dank ihres Reichtums schöne junge Frauen dazu bewegen, sie zu heiraten. Die haben sich natürlich deren Anordnungen zu fügen, sich nach deren Wünschen zu richten und ihre eigenen Neigungen hintan zu stellen. Wenn sie dazu nicht bereit sind, werden sie schnellstens entsorgt. Aber das ist immerhin ihre eigene Entscheidung.

Die Geschichte der Sklaverei ist eine traurige Geschichte der Menschheit. Über Jahrtausende glaubten die Sieger über die Besiegten nach Gutdünken herrschen zu können. Selbst berühmte Humanisten verteidigten die Sklaverei, weil sie als Sold angesehen wurde für die siegreichen Armeen.

Sogar die Kirche, sogar Franz von Assisi verteidigte diese perverse Entmenschlichung. Die christliche Kirche sah keinen Grund dafür sich für „Heiden“ einzusetzen. Die Gebote der Nächstenliebe waren für diese Menschen außer Kraft gesetzt. Die entführten, verkauften und überlebenden Opfer wurden erst wieder ernst genommen, nachdem sie missioniert worden waren. Und so kamen sie in die nächste Sklaverei: Ihr alter Glaube wurde ihnen geraubt, und stattdessen hatten sie jetzt an Himmel oder ewige Verdammnis zu glauben. Für mich ist es unverständlich, wie Menschen über Jahrtausende hinweg unbewegt zugesehen haben, wie andere, aus anderen Ländern oder mit anderer Hautfarbe nackt und gefesselt auf den Märkten als Handelsware verkauft wurden. Aber dann fallen mir die Nazigräuel ein, an denen sich Tausende beteiligten, die nach außen als wohlanständige Bürger galten. Offensichtlich steckt im Menschen immer noch das Tier, aus dem er hervorgegangen ist, dessen Überlebensstrategien einen Teil unseres Wesens bestimmen. Es galt das Recht des Stärkeren. Bis in die jüngs­te Zeit waren ja auch noch die deutschen Bauern ihren Herren zu Frondiensten und Abgaben verpflichtet und ihre Bräute zur „ersten Nacht“ auszuliefern (us primae noctis).

Die Sklaverei hält an, und wer sie beenden will, der muss dafür sorgen, dass die Armut beendet wird, dass der Ausgleich zwischen arm und reich gerechter verteilt wird. Die Zeichen dafür stehen schlecht. Die Kluft zwischen den Wohlhabenden und den Nichtshabenden vergrößert sich von Jahr zu Jahr. Da ist es sicher nicht abwegig, wenn ich behaupte, auch die Abhängigkeit der Armen von den Reichen – ein anderer Terminus für Sklaverei – wird sich vergrößern.

Und was bleibt von der Hoffnung, die Sklaverei sei bald abgeschafft? Nichts!

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