Sind Sie fit für die neue digitale Welt?

Wenn ich das schon höre: Jetzt kommt die neue T-Generation von Audi, die neue Generation vom Smartphone, die neue Generation von Windows und, und, und…

Ich bin doch schon froh, wenn ich mein altes Handy halbwegs richtig bedienen kann. Wie soll ich in meinem Alter denn all diese neuen technischen Innovationen noch erlernen? Ich versäume doch jetzt schon regelmäßig meinen Zug, weil ich nicht in der Lage bin dem Automaten eine Fahrkarte zu entlocken. Und jetzt höre ich, was angeblich demnächst alles auf uns zukommen wird. Wie kann ich mich dagegen wehren? Ich bin zu alt, um in eine Disco gelassen zu werden, aber all dem technischen Kram werde ich ungefragt ausgesetzt. Dabei habe ich gerade noch den Bogen gekriegt zum Handy und zum Internet. Aber damit ist Schluss! Nichts Neues kommt mir mehr ins Haus. Angeblich wird demnächst das Geld abgeschafft. Alles läuft nur noch über digitale Prozesse. Ich weiß nicht, was das ist, verstehe es auch nicht. Ich bin froh, dass ich meine Spülmaschine bedienen kann, auch wenn zukünftig angeblich Roboter diese Arbeit übernehmen sollen. Und was machen wir dann mit unserer freien Zeit, wenn wir nichts mehr zu tun haben? Lesen wäre eine Möglichkeit. Aber es gibt dann ja auch keine Bücher mehr, und wie das mit dem Herunterladen funktioniert, das weiß ich auch nicht.

Zum Glück gibt es die neue technisch versierte Menschen-Generation. Meine Enkel sind da: „Pass auf, Opa, hier musst Du drücken, dann hier mit links auf diesen Knopf und dann wischen“. Hat sogar schon einmal geklappt, aber allein stehe ich vor all diesen Apparaten wie der Ochse vorm Berg. Technisch gesehen bin ich ein Neandertaler. Der neuen Technik verweigere ich mich. Und wenn das, was ich gerade noch beherrsche, nicht mehr zur Verfügung steht, werde ich auch nicht mehr zur Verfügung stehen. Den Rest meines Lebens werde ich auch ohne all diesen Schnick-Schnack überstehen. Natürlich, meine Enkel lachen sich hinter vorgehaltener Hand schlapp: „Opa ist blöde“. Trotzdem versuchen sie immer mal wieder, mir gewisse Grundkenntnisse neuester Technik zu erklären. Vergeblich. Ich habe da irgendwo eine Sperre. Sie hingegen warten voller Spannung auf die neue T-Generation. Sie werden sie kaufen und zu bedienen lernen, ohne dass es ihrem Leben neuen Inhalt geben wird. Sie lesen nicht mehr. Sie unterhalten sich kaum noch von Mensch zu Mensch. Sie sind eigentlich schon die Computer vom Computer. Sie können keine Eiche von einer Buche unterscheiden, aber jede App beherrschen sie. Ihre Welt ist nicht mehr meine Welt. Ihre Interessen sind nicht mehr meine Interessen, und ihre Zukunft hat mit dem, was ich mir noch für den Rest meines Lebens erhoffe, nichts mehr zu tun. Nie zuvor waren die Generationen so weit auseinander.

Zwischen der Lebenszeit meines Großvaters und der meines Sohnes hat sich – was die Technik angeht – mehr verändert als in den letzten 2.000 Jahren zuvor. Wer soll das denn alles in ein paar Jahren kapieren? Ich nicht. Sollen die Jüngeren es erlernen. Sie werden noch vieles lernen müssen, was ihrem Leben jedoch auch nicht mehr Sinn verleiht als zuvor. Oder, um es deutlicher zu sagen: Sie erkennen in ihrem Leben überhaupt keinen anderen Sinn mehr, als im digitalen Netz unterwegs zu sein. Und sie wissen nicht, wohin es führt. Sie wollen es auch gar nicht wissen. Sie sind für alles offen, außer für die Gegenwart. Meine Enkel interessieren sich weder für die Politik noch für neue kulturelle Aspekte: „Keine Zeit, Opa.“ – „Hast du Lust auf einen Spaziergang mit mir?“ – „Sorry, Opa, aber ich bin verabredet mit einer Spezial-Skype-Community.“ – „Was ist das denn?“ – „Bevor ich dir das erklären kann, ist die schon vorbei.“

 Ich genieße viele technische Vorteile, die meinen Eltern versagt geblieben sind. Ich verfüge z. B. über eine Waschmaschine. Meine Mutter rubbelte jede Woche einen Tag lang auf dem Waschbrett rum. Ich habe einen Kühlschrank, einen Toaster und eine Mikrowelle, alles Errungenschaften, von denen unsere Vorfahren nicht einmal zu träumen wagten. Und jetzt geht es ungehemmt weiter: Der Kühlschrank bestellt dann automatisch frische Waren, die von Drohnen angeliefert werden, die Waschmaschine arbeitet völlig automatisch und der Staubsauger setzt sich selbstständig in Bewegung. Noch kann ich damit leben, aber nicht mehr lange. Was da jeden Tag neu erfunden wird und auf uns zukommt macht mich fertig. Sollen sie mich doch unter die Erde bringen. Von mir aus auch mit Hilfe von Robotern. Aber bitte, ohne dass ich für diesen Vorgang noch Knöpfe und Tasten drücken muss. Wenn ich mich richtig erinnere, war das Sterben früher einfacher. Deshalb rate ich allen Lesern: Besorgen Sie sich rechtzeitig Ihre persönliche Sterbe-App.

Mit einem Online-Abonnement mehr erfahren!
Abonnieren Sie die FARANG-Onlineausgabe ein Jahr lang zu einem sehr günstigen Preis. Sie erhalten uneingeschränkten Zugriff auf alle Artikel. Zusätzlich können Sie die vollständige Druckausgabe als PDF-Ausgabe herunterladen.

Leserkommentare

Für unabhängige Themen senden Sie einen Leserbrief an die Redaktion. Allgem. Kommentardiskussion

* Pflichtfelder
Jürgen Franke 09.04.17 21:39
Sogar die Bundeswehr hat eine neue Truppe
eingerichtet für den jetzt im Sitzen zu führenden Krieg per PC.
Romano Schwabel 09.04.17 15:15
wenn es nicht die wahrheit waere koennte man weinen und lachen zugleich. irgendwann kommt der moment, an dem menschen nicht einmal mehr miteindander sprechen werden. traurig !