Neulich, am Strand: Wenn das keine Liebe ist

Als letzter trudle ich zu unserem Morgentreff ein. Die letzte Nacht war ein Horror für mich, dementsprechend zerknittert tauche ich nun auf. Natürlich werde ich von meinen Freunden mit „Liebenswürdigkeiten“ und guten Ratschlägen eingedeckt, ohne dass sie überhaupt danach gefragt hätten, was denn der Grund sei.

„Die Neue aus der Bar hat ihn so richtig fertiggemacht, he, he, he“, zum Beispiel. Oder: „Der Alte hat mal wieder alle seine Energie mit Mädels verschossen.“ Doch nichts von alledem! „Die Thai von unserem Franzosen ist heute Nacht ausgerastet“, beginne ich zu berichten. „Morgens um 3 Uhr früh bin ich von lautem Geschepper und Geschrei im Flur geweckt worden. Weil es nicht gleich wieder aufgehört hat, schaute ich nach, was los war. Da stand Jean-Jacques im Flur, gegenüber seiner offenen Türe, an die Wand gelehnt und rauchte eine Zigarette. Im Zimmer drin Lek, seine Thai, die damit beschäftigt war, die Einrichtung zu zerlegen. Dazu fluchte und schrie sie, als wollte sie das ganze Haus zusammentrommeln. „Salú J.-J.* (*Spitzname Tschei, Tschei) Ça va?“, begrüßte ich ihn. Noch bevor er antworten konnte, flogen zwei Gläser durch die Türe, knapp an J.-J. vorbei an die Wand. Mit lautem Geklirr zerschellten sie neben ihm. Erst jetzt bemerkte ich, dass er mitten in Plastiktellern, Löffeln und Gabeln, vermutlich auch Messern, stand. Alles als Wurfgeschosse missbraucht von seiner Lady. „Comme ci, comme ça“, meinte er trocken. „Du siehst ja, mon dieux, da drin tobt ein Hurrikan.“ Seine lockere Art beeindruckt doch immer wieder. „Knall!“, wie eine Explosion dröhnte das Lebensende einer Vase durch den Gang. „Willst du nicht bei mir schlafen? Dann hätten wir eher Ruhe für alle“, offerierte ich ihm. Doch J.-J. lehnte ab: „Lass mal. Wenn sie alles zerdeppert hat, hört sie zwangsläufig auf. Ich schau mal jetzt, ob unsere Security mir einen Besen organisieren kann. Salú!“ J.-J. macht sich davon. Durch die offenstehende Türe wage ich einen Blick ins Innere. Tisch und Stühle umgeworfen, der Boden voll mit allem, was in Regalen sonst steht, die Spaghetti carbonara kleben an der Wand und der Rotwein hat ein neues Muster auf die Tapete gezaubert. „Wow! Das ist ganze Arbeit“, entfährt es mir. Lek bemerkt mich, und meint wahrscheinlich, ich sei ihr „Allerliebster“ J.-J. Sofort brüllte sie mich an, schnappte sich einen Aschenbecher, der am Boden lag, und warf ihn mir hinterher. Fluchtartig machte ich mich davon. Dass J.-J. es mit dieser Dame aushält, wundert mich doch immer wieder. Aber er hat ja schon öfters gesagt: „Schau, sie ist doch sonst ein so liebes Ding.“ Wenn DAS keine Liebe ist? Lek ist ihm lieb und teuer. Das werde ich nie verstehen. Heute hat sie zum zweiten Mal innert einem Jahr die Einrichtung geschreddert“, beende ich die Erzählung. Meine Zuhörer reagieren mit Schmunzeln oder aber mit verständnisvollem Nicken. „Na, ja. Das biss­chen Geschirr wird ja nicht alle Welt kosten. Zudem wird er seine Auslagen von ihrer Gage abziehen. Also, was soll’s“, zieht einer seine Schultern hoch. „Ich sehe schon, wie Lek mit dem Messer in der Hand auf J.-J. losgeht, wenn sie das auch noch erfährt“, gebe ich zu bedenken. „Quatsch. So lange sie sich verspricht, dass er weiter Kohle springen lässt, wird sie ihn in Ruhe lassen“, beschwichtigt er mich. Dann setzt er fort: „Schau. Ich bin der lebende Beweis. Meine Frau schmeißt im Halbjahresrhythmus alle ihre Klamotten durchs Fenster hinaus, wenn sie wieder einmal mehr ausras­tet. Einmal flog sogar noch die Kastentüre hinterher. Die braucht halt mal etwas, wo sie Dampf ablassen kann. Das ist doch nicht so schlimm!“ Alle lachen. „Aber warum die eigenen Klamotten?“, frage ich. „Weil so die bösen Geister aus dem Haus fliegen, wenn die Kleider, die ich alle gekauft habe, aus der Hütte raus sind“, belehrt er mich. „Aha. Alles klar. Damit du dann wieder den guten Geist spielen kannst, um neue Fetzen zu kaufen“, gebe ich zurück.

Wahre Liebe kostet Nerven

„Das sind doch alles „Peanuts“, was ihr hier alles erzählt“, meldet sich nun der Dritte im Bunde. „Mein Schnuckelchen hat mir endlich die Garage aufgeräumt!“, vermeldet er stolz. „Ha, ha. Das sollen wir dir glauben? Da bekäme sie ja vom vielen Arbeiten Schwielen an den Händen“, belustigen wir uns. Doch unser Kollege besteht darauf und erzählt: „Lucky, mein Schnuckelchen, hat vor etwa einem Monat gemeint, es sei an der Zeit, einen größeren Wagen zu kaufen. Natürlich habe ich das abgelehnt. Die Karre ist ja erst knapp drei Jahre alt. Doch da wurde sie richtig sauer. Aber für mich war die Sache klar. Kein neuer Wagen! Lucky begann zu toben und zu stänkern, immer wilder. Und als ich dann einmal zu Wort kam, fragte ich sie, wie sie eigentlich auf eine solche dämliche Idee käme. Da meinte sie, sie habe unseren Pick-up den Nachbarn im Dorf versprochen. Und nun werde sie ihr Gesicht verlieren, wenn ich nun so kleinlich sei und keinen neuen kaufen werde.“ Da mussten sogar die Gäste am Nebentisch lachen. Das macht dem Erzähler aber keinen Eindruck. Er fährt fort: „So sagte ich zu ihr, ein größerer Wagen hätte in der Garage gar keinen Platz. Und damit war die Sache erledigt. Als ich dann einen Tag später beim Kegeln war, ging sie hin und schmiss alles, was sonst noch in der Garage war, raus. Der Rasenmäher, der Trimmer, Gartenschlauch, allerlei Werkzeug für den Garten. Wie ich abends nach Hause kam, war die Garage komplett leergeräumt. Mich hatte es fast umgehauen. „Was denn das solle?“, fragte ich sie. Und wo sie die Sachen deponiert habe, wollte ich wissen. „Na, draußen auf die Straße. Nun hat es Platz für ein schönes großes Auto, Schatzilein“, meinte sie. Doch nun war ich sauer. „Da ist nix an der Straße. Du hast dir die Sachen klauen lassen. Mein guter Rasenmäher und die Heckenschere, die ich zwei Wochen lang gesucht habe. Oh, Mann, wie kann man nur so blöd sein.“ Da hat Lucky gemeint: „Nein, nein, Schatzi. Ich habe natürlich meine Freundin angerufen. Die hat die Sachen alle abgeholt und in der Stadt verkauft. Weißt du, sie hat gerade Geld gebraucht. Da habe ich gedacht, das ist eine gute Tat von dir, ihr die alten Sachen zu schenken. Wann kaufen wir nun den neuen Wagen, wollte sie dann wissen.“ Gar nicht. Zuerst kommen neue Gartengeräte!“

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Leserkommentare

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Songran Raktin 29.10.17 20:30
Oliver Rudolph - 29.10.2017 - 13.38 Uhr
Herr Rudolph, Sie sind aber sehr geduldig!!!!!
Oliver Rudolph 29.10.17 14:47
Unglaublich
Wenn die letzte Story der Wahrheit entspricht,dann wüsste ich ,was ich mache. Innerhalb von 10 Minuten wäre Sie aus meinen Leben verschwunden. Unglaublich dies nachzuvollziehen.