Neulich, am Strand: Steiler Zahn

Kürzlich hatte ich wieder einmal einen Zahnarzttermin. Und wie immer schauderte es mir vor dem Hingehen. Irgendwie ist es halt doch so, wie wenn man als Schwein zur Schlachtbank geführt werden soll, nur freiwillig. Um nicht in letzter Minute absagen zu können, lasse ich mir deshalb immer den ersten Termin am Tag geben.

Da kann ich kaum mehr in letzter Minute absagen. So trete ich also als erster Kunde durch die Glastür der Praxis. Die Dame am Empfang ist nicht da. Von hinten, wo die Behandlungsräume sind, höre ich Scheppern und Klimpern, durchmischt mit angeregtem Damengeschwätz. Die Unterhaltung der Ladys muss wohl sehr amüsant sein, folgt doch immer wieder Lachen und Gekicher. Ich bin ja noch einige Minuten zu früh, also warte ich artig auf der Bank und belausche die Damen. Durch die nicht ganz geschlossenen Schiebetüren auf beiden Seiten der Behandlungsstühle kann ich immer wieder einen Blick erhaschen, was sich da drinnen so tut. Interessant, mal hinter die Kulissen einer Zahnarztpraxis zu gucken. Zudem sind an den Wänden Spiegel montiert, die von der Decke bis zum Boden reichen. Mit einem kleinen Kopfdreher, mal links, mal rechts, überschaue ich fast den gesamten Raum. Zwei hübsche Damen, Mitte zwanzig, in weißen Kitteln, bereiten die Gerätschaften vor.

Die eine der Beiden hat mich inzwischen bemerkt und kommt in den Empfangsraum. „Hallo“, wirft sie mir entgegen. Fast jubilierend. Sie muss einen guten Tag haben heute, denke ich mir. Das wird mir später sicher helfen, wenn ich eingezwängt im „Vollstreck­ungsstuhl“, von der Lampe vor dem Gesicht geblendet, mit aufgerissenem Maul dahocke und der Marter entgegenschaue. Sie lächelt mir zu, während sie nacheinander den Praxiscomputer und den Fernseher im Warteraum einschaltet, ihr Handy zum Aufladen anschließt, alles unter Weiterführung der begonnenen Diskussion mit ihrer Kollegin. „Only 10 Minutes! OK?“, haucht sie mir entschuldigend entgegen. „Klar, geht in Ordnung“, antworte ich ihr noch, bevor sie wieder durch die Schiebetüre verschwindet. Was sollte ich auch anderes sagen wollen? Im Fernseher läuft eine Verkaufssendung. Campingtisch mit Klappstühlen.

Auf das Äußere kommt es an

Im Spiegel, durch die halboffen stehende Türe sehe ich, wie sich die andere Dame angefangen hat, ihre Haare zu machen. Sie hockt im ersten Behandlungsstuhl, mit in alle Richtungen stehenden Haaren. Struwwelpeter ist nix dagegen. Mich amüsiert es. Angeregt diskutierend kämmt sie sich die Haarpracht rauf und runter. „Wenn ich doch nur auch noch etwas oben hätte“, beginne ich eifersüchtig zu werden. Derweil beginnt im zweiten Stuhl die andere Dame sich die Nägel zu lackieren. Und im Fernsehen sind bereits einige Tische verkauft worden. Eine große Einblendung verkündet, dass nur noch 112 Stück zu haben sind.

Nach etwa einer Viertelstunde steht die Frisur, und die Nägel sind auch abgetrocknet. Zeit, sich um die Mundpartie zu kümmern. Die Lippen werden gekonnt mit Farbe bearbeitet und haben zum Schluss nicht mehr viel mit dem originalen Zustand gemeinsam. „Da sieht „Mann“, wie bei den Mädels getrickst wird. DAS haben wir Naturschönheiten halt nicht nötig. Uns hat das alles die Natur gegeben. Ha!“, denke ich. Aber es ist schon belustigend zuzuschauen, wie die Dame die Lippen zusammenkneift, um sie zu bemalen, während sie aus den Mundwinkeln weiter plaudert. Sie kann halt nicht ohne Plappern. Zum Schluss kommt der Lipgloss mit Glitzereffekt. Wow! So wird aus jeder Karre ein Rennwagen. Die andere Lady im zweiten Stuhl trägt inzwischen den Lidschatten auf. Ein großer Farbkasten mit verschiedensten Utensilien liegt auf dem Behandlungstablett wo sonst die Zangen, Spritzen und andere „Foltergeräte“ bereitgelegt werden. „Eigentlich schön, dass man ein „Folterstuhl“ auch für was Hübsches gebrauchen kann“, durchfährt es mich.

Inzwischen sind zwei weitere Patienten gekommen. Zum Glück für mich setzen sie sich mir gegenüber unter dem Fernseher hin. Da werden gerade die Tische Nummer 85 und 86 verkauft. Wenn im Nebenzimmer dann irgendwann fertig gestrichen und gemalt ist, werden die neuen Kunden sicher auch begrüßt. Ich sitze nun schon gut eine halbe Stunde da. Aber langweilig ist es mir nicht geworden.

Als nächster kommt der Zahnarzt herein, beide Hände mit Einkaufstüten beladen. Er kommt gerade vom Einkaufen. Lächelnd, als ob nichts wäre, entschuldigt er sich für die Verspätung. „Only 10 Minutes! OK?“, meint er und verschwindet im Behandlungsraum ohne eine Antwort abzuwarten. „Na, klar“, was bleibt schon anderes übrig. Ich könnte zwar schon aufstehen und gehen, doch dann käme ich ja nicht in den Genuss der Assistenz der beiden Damen während meiner „Folter“. Nee! Wenn schon leiden müssen, dann wenigstens angenehm. Wenn dann der Bohrer durch den Kiefer bricht und das Blut sich über meinen Oberkörper ergießt und nicht mehr zu stoppen ist, ich langsam auf diesem elenden Sessel verblute, dann will ich wenigstens noch einen letzten angenehmen Eindruck vom irdischen Dasein mitnehmen und einer hübschen Dame in die Augen schauen können. Lebe jeden Tag so, als wenn es dein letzter wäre! Es könnte ja sein, dass ich nun im Zahnarztstuhl dran glauben muss. Könnte!

Nach weiteren 20 Minuten, nachdem die Praxisgemeinschaft ihr gemeinsames Frühstück beendet hat, werde ich hereingebeten. Im Fernseher werden gerade die letzten 8 Tische angeboten. Die zwei „Herzchen“, extra für mich so hübsch gemacht, begrüßen mich, wie in einem Zirkus. „Hallo, du lieber Patient. Hock dich hin, damit wir dich so richtig malträtieren können“, zeigen sie mir mit einer ausschweifenden Geste den Platz. Die kommende Pein vergessend, füge ich mich schon fast willenlos und lasse mich nieder. Das Warten hat sich gelohnt. Die beiden Grazien sind wirklich spitzenmäßig aufgedonnert und schweben durchs Zimmer, und ich glaube, sie blinzeln mir immer wieder zu. Dann kommt der Zahnarzt hinzu. „Sie brauchen den Mund gar nicht so weit aufzumachen“, meint er lakonisch.

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