Neulich, am Strand: Mafia? Nee, Überraschung!

Ich liege im Liegestuhl am Strand und genieße das Nichtstun. Es herrscht wunderbares Wetter, nicht zu heiß, nicht zu windig, nur ein erfrischendes laues Lüftchen streicht durch die Palmenwedel über mir. Am Strand verweilen einige Sonnenanbeter, Kinder spielen im Wasser. Heute ist einer von jenen Tagen, die einfach perfekt sind.

Sie wissen schon: Wenn Sie zu Hause am Malochen sind, seit Tagen regnet es, ihr Chef spinnt wieder einmal, weil Termine nicht eingehalten werden können. Das Essen in der Kantine schmeckt unterirdisch. Und Ihrem Chef wüssten Sie auch schon, was Sie ihm geigen würden. Gestern wurden sie geblitzt, es wird sie wieder ein Schweinegeld kosten. Deswegen sind Sie heute mit dem ÖV zur Arbeit gefahren. Und am Abend, bei der Rückfahrt nach Hause, werden die vom Regen durchnässten Leute im überfüllten Bus einen Geruch verbreiten, wie nasse Hunde. Dann stehen Sie, eingequetscht mit dutzenden anderen Leidensgenossen, im Gewühl des Linienbusses und wünschen sich nur noch eines: Weg! Einfach nur weg. Am liebsten in die Wärme. An den Strand. Unter die Palmen. Und während der Bus im Stau steht, draußen regnet es in Strömen, träumen Sie von Sonne, Sand und Meer. Genauso einen Tag habe ich heute im Liegestuhl hier. Wie erträumt. Aber ich will Ihnen ja nicht den Speck durchs Maul ziehen. Nee, nur beschreiben, was für ein schöner Tag heute ist… Einfach alles perfekt.

Da kommt im Heer der Strandhändler ein Uhrenverkäufer daher, den ich schon öfters gesehen habe. Geschäftsbeflissen offeriert er allen möglichen Kunden in den Stuhlreihen seine Kollektion. Wobei er stets auf die Vorzüge seiner Modelle hinweist. Schließlich macht er ja ein gutes Geschäft, wenn er sich als kompetenter Vertreter präsentiert. Dass es sich aber nur um Duplikate und Imitationen handelt, tut der Geschäftigkeit keinen Abbruch. Das ist Nebensache. So kommt er alsbald auch bei mir vorbei. Gut drei Duzend Uhren, unter meine Nase gehalten, glitzern mich an. Ein Strahlen überzieht das Gesicht des Thais. „Sehr gut. Wirklich, sehr gut“, scheint er mir sagen zu wollen.

Das „Unheil“ nimmt seinen Lauf

Alleine, dass ich zwangsweise seine Auslage betrachte, ist für ihn schon klar, dass er in mir einen Käufer gefunden hat. „Dem werde ich nun eine Uhr verklickern, gestochen oder gehauen“, scheint sein Motto zu sein. Er spricht auf mich ein, obwohl ich kein Wort verstehe. Nicht einmal Mühe Englisch zu sprechen macht er sich. Er wird immer aufdringlicher. In mir regt sich erster Widerstand. Und je mehr ich mich wehre, drängt er mich. Immer auf thailändisch. Nix englisch. Aber immer mit einem Lächeln präsentiert. So quasi: „Du, Scheißkerl, wirst mir nun eine Uhr abkaufen. Verstanden? Basta!“ Inzwischen gesellen sich weitere Uhren- und Schmuckverkäufer hinzu. Eine ganze Horde belagert mich. Alle lächeln. In ihren Blicken meine ich lesen zu können: „Du wirst jetzt eine Uhr kaufen. Ob du willst oder nicht, dass spielt nicht die geringste Rolle. Und überteuert wird sie auch sein. Mindestens 3-fach, eher 4. Wie immer.“ Ich fühle mich immer ungemütlicher in meiner Haut. Einer solchen Übermacht an verkaufswütigen Händlern bin ich nicht gewachsen. Hilfesuchend blicke ich in die Runde. Doch in ihren Augen sehe ich nur: „Was glaubst du? Wir stehen hier einfach nur so zum Spaß herum und liefern dir eine Show, die du dann vielleicht noch in der Zeitung bringst, ohne dass du uns nun deine Kohle abdrückst? Du glaubst ja auch noch an den Storch, ha!“ Ein lautes Gerede zwischen den vor mir Stehenden entsteht. Zum Glück für mich scheint ihr Interesse an mir nachzulassen. Einige mauscheln sich hinter vorgehaltener Hand gegenseitig etwas ins Ohr. Wobei der eine mich anschaut und grinst. Wie wenn er sagen wollte: „Ohne eine Uhr wirst du deinen Platz hier nicht verlassen. Schick mal deine Tausenderscheine rüber. Dafür gibt es ein echtes Imitat. Wir haben nicht den ganzen Tag Zeit für dich. Da wollen noch mehr Farangs uns ihr Geld hinterherschmeißen.“ Die Stimmung wird immer hitziger. Ärger liegt in der Luft. Der Mafiaclan hat mich fest im Griff. Was soll ich nur tun? Ich sehe mich schon auf der Polizeistation um Hilfe betteln. Ich sehe mich um. Doch keiner da, der mir zu Hilfe eilen könnte. Nicht mal der Liegestuhlvermieter kümmert sich um meine verzweifelte Situation. Der schaut nur belus­tigt zu. Na klar. Logisch, die helfen sich gegenseitig. So eine Scheiße. Dabei könnte es doch ein so schöner Tag sein. Schau dir doch nur dieses Wetter an. Und den Strand. Ein Paradies. Wenn da nur nicht diese Halsabschneider wären. Und gleich ein halbes Dutzend! Ich würde in diesem Moment am liebsten zurück in ein Büro flüchten. Und wenn da noch so der dämlichste Chef anzutreffen wäre!

Ich sehe keinen Ausweg mehr und beginne mir eine funkelnde Damen-Uhr anzuschauen. „Ha. Den haben wir weich gekriegt“, scheint einer aus der Meute zu rufen. Ich verstehe immer noch kein Thai. Da mischt sich eine Früchteverkäuferin ein. Der Lady habe ich vor etwa einer Stunde ihre frischen Mangos und Ananas abgekauft. Nicht zuletzt, weil sie immer so gute Ware hat und wir uns schon lange kennen. „Nein, nein“, winkt sie ab. „Die wollen dir nichts verkaufen. Die sind da, um dir zum Geburtstag zu gratulieren“, lacht sie. Tatsächlich habe ich morgen Geburtstag. Das habe ich der Dame vorhin, als ich die Früchte kaufte, im Vertrauen zugesteckt. „Aber erst morgen“, will ich mich rausreden. „Ja, aber morgen sind ja nicht alle da. Jetzt könntest du doch eine Vorgeburtstagsparty schmeißen“, grinst sie mich an. So also, organisieren sich die Thais eine Fete auf Farangkosten. Hinter ihr stehen plötzlich Frittenverkäuferinnen, Strandmasseusen, der Liegestuhlvermieter, Eisverkäufer usw., einfach alle, die die Dame in der letzten Stunde erreichen konnte. Alles gute Bekannte. Und alle wollen, dass ich sie nun einlade. Nun, was soll ich machen? Mit einem Rückzieher würde ich mich bei allen blamieren. So feiern wir meinen letzten Tag vor Geburtstag. Es ist sowieso ein perfekter Tag für eine Strandfete. Und das Beste: Morgen wird nochmals gefeiert. Ha!

Wenn ich aber in Zukunft meine persönlichen Daten veröffentlichen will, werde ich das nicht mehr im Internet machen. Eine Thai, beiläufig vertraulich informiert, reicht vollkommen.

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Leserkommentare

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Mike Dong 29.06.17 11:39
Schon blöd wenn man sich nicht wenigstens ein bißchen in Thai verständigen kann.