Neulich, am Strand: „Kommt alle gut nach Hause!“

Ich bin unterwegs nach Jomtien und nehme im Sammeltaxi Platz. Dieses Mal habe ich Glück. Gerade ist ein volles Songthaew weggefahren. So kann ich mir meinen Platz im noch leeren Wagen aussuchen. Ich setze mich ganz vorne, hinter der Fahrerkabine hin. Der Vorteil dieses Platzes ist, dass die „Quetscherin“, mich hier in Ruhe lässt.

Die Quetscherin nenne ich die Dame, die für die Fahrer dafür sorgt, dass hinten im Laderaum genügend zahlungspflichtiges „Ladegut“ Platz findet. Normalerweise werden die 5 resp. 6 Plätze der beiden Sitzbänke mit 7 und 8 Leuten, wie Sardinen in der Dose, besetzt. Die Bänke füllen sich schnell. Ältere Herren mit ihren Begleiterinnen, 2 Thai-Damen in ihren Hoteluniformen auf ihrem Weg zur Arbeit, eine Pillenverkäuferin, die gleich mit dem Offerieren ihres Sortimentes beginnt. Gegenüber von mir sitzt ein russisch sprechendes Paar. Beide wohlgenährt, großgewachsen und, in Masse ausgedrückt, etwa so viel, wie 4 Thais. Breitbeinig versuchen sie sich so viel Privatraum wie möglich zu sichern. Genau dafür ist ja die „Quetscherin“ da… Ein junges Touris­tenpaar erkundigt sich nach dem großen Buddha. „Da, da, Jomtien, Jomtien“, fordert die „Quetscherin“ die zwei Backpacker auf, Platz zu nehmen. „Dabai, dabai“, scheucht sie die 2 Russen auf, zusammen zu rücken. Aus ist es mit breit dahocken. Hier werden alle Nationen bestmöglich gestapelt! Völkerverständigung der einfachen Art. Ein Farang kommt mit seiner Lady noch daher gerannt und sie springen auf das Trittbrett auf. Lautstark streiten sie sich. Während sich die Dame offensichtlich ärgert, entlockt es den anderen Thais im Wagen spontanes Schmunzeln und Gekicher. Schade, dass ich nichts verstehe.

Als wir endlich losfahren, sitzen auf meiner Seite 6, gegenüber 7 Leute. Trotz der massigen beiden Russen. Dazu, als Draufgabe, 4 Stehplätze auf dem Trittbrett. Gut gepfercht, „Quetscherin“! Den Fahrer wird es freuen, eine lohnende Fuhre zu haben. Wie ein Torpedo im Wasser, das Heck herunterhängend, die Motorhaube in die Luft reckend, kommt der Wagen daher. Der Fahrer schleust uns durch das Verkehrschaos. „Wenn das nur mal gut geht“, meint ein Farang zum anderen. Mit der Hand durch die Luft mimt er ein Flugzeug nach. Beide amüsieren sich. Das sind Abenteuer, die man sich zu Hause erzählt. Tatsächlich müsste man sich schon Gedanken über die Belastbarkeit eines solchen Vehikels machen. Doch, so lange nichts in den Zeitungen kommt, Rubrik Unfälle, ist ja alles palletti. Auch wenn da nun die Bremsen zu quietschen beginnen. Die Bremsbeläge scheinen zu schreien: „Hilfe! Eisen auf Eisen. Wir können bald nicht mehr.“ Doch der Fahrer überhört das schrille Pfeifen. Für ihn gehört das zu den natürlichen Geräuschen seiner Karre. Nicht so für mich. Ich stelle mir jetzt schon vor, wie wir den Hügel runter nach Jomtien sausen, immer schneller in Fahrt, uns die Bremsklötze um die Ohren fliegen, die glühenden Bremsscheiben die Reifen in Brand setzen, und wir alle im Hanuman Brunnen aufschlagen werden. Etwa so, wie ein Reisebus vor einigen Jahren. Mein Ende scheint mit dieser Taxifahrt gekommen zu sein. Ich überlege mir gerade, ob es wohl hilfreich wäre, ein Stoßgebet Richtung Himmel zu senden, als der Streit des Paares auf dem Trittbrett eskaliert. Spontan bin ich für die Ablenkung von meinen endzeitlichen Gedanken dankbar. Das Beziehungsdrama tritt in eine neue Phase. Unter einem Wortschwall, mit vor Wut gerötetem Gesicht, dem Farang alles auch nur Erdenkliche an den Kopf schmeißend, knallt die Thai-Dame ihre Faust auf den Klingelknopf. Erstaunlicherweise bleibt der heil. Der Fahrer erschrickt ob der Intensität des Klingelns und haut voll in die Pedale. Hinten, die ganze Ladung an Männlein und Weiblein wird nach vorne geworfen. Alle auf meiner Seite pressen mich an die Kabinenwand. Aufruhr, ich bekomme fast keine Luft mehr. Nur der Herr, der mit seiner Lady im Clinch liegt, hat den abrupten Stopp kommen sehen. Er wird sie schon gut genug kennen, um solches Ungemach im Kalkül zu haben. Die Dame springt fluchend vom Wagen und ihr Farang schmeißt ihr eine Tasche hinterher. Die restlichen Fahrgäste belustigen sich ob des dargebotenen Schauspiels. Man rappelt sich auf, die Damen zupfen an ihren Haaren und Kleidern bis wieder alles dasitzt, wo es sollte.

Die Lage wird bedrohlich

Kaum ist unsere Verkehrsbombe wieder in Fahrt, bemerken die Backpackers, dass sie wohl schon zu weit gefahren sind. Die Frau klingelt mit Dringlichkeit, ihr Begleiter unterstützt sie seinerseits mit Dauerdrücken. Der Fahrer, zum 2. Mal innert kürzester Zeit aus der Alltagslethargie herausgerissen, blockiert die Räder… Innerhalb einer Minute liegen dieselben Leute wieder auf mir drauf. Die können ja von Glück reden, haben sie einen so formidablen Prellbock! Mein Sitznachbar, der sich an der Haltestange festgekrallt hat, haut mir seinen Ellenbogen ins Gesicht. „Oh, sorry.“ Ich nicke ihm zu. Kann ja passieren. Insgeheim hoffe ich, diese Fahrt überleben zu können. „Nein, nein, erst da vorne. Die dritte Kreuzung“, winkt eine Thai in Hoteluniform ab. Die Zwei bleiben sitzen. „Was denn nun?“, deutet der Fahrer genervt. „Oh, sorry“, entschuldigen sie sich. Also weiter. 3 Kreuzungen liegen wir wieder aufeinander. Die Touristen und ein Farang mit Begleitung steigen aus, dafür kommt eine Thai mit ihrem Mittagessen in Plastikbeuteln hinzu. Sie setzt sich zwischen den Ellenbogen-Herren und mich hin. Meine Hoffnung, dass der Wagen nicht zu sehr beladen den Hügel nach Jomtien runterfahren wird, verfliegt.

In zügiger Fahrt rauscht das Songthaew die Straße hinunter. Und auf der Höhe der Busstation kommt das, was ich nach „Murphys Gesetz“ erwartet habe: „Wenn du bis hierher schon 3 Mal zusammengestaucht wirst, dann sicher hier auch noch.“ Der Russe, gequetscht wie ich, klingelt zum Aussteigen. Seine Dame desgleichen. Noch bevor ich mir Gedanken machen konnte, warum sie jetzt auch noch läuten muss, betätigt der Ellenbogen-Herr zum dritten Mal die Klingel. Der Fahrer, stocksauer, lenkt links ran und stoppt mit aller Gewalt. Die Thai-Dame neben mir legt sich ungewollt auf mich drauf. Zwischen uns nur die Suppe und das restliche Mittagessen. Wow! DAS hätte ich nicht erwartet: „Ich werde in Suppe ersaufen – WAS für ein kurioser Tod!“, schießt es mir durch den Kopf. Doch der ward mir nicht vergönnt. Ein paar 100 Meter weiter klingle ich nur kurz und verschämt. Ich bin ja froh, die Fahrt mit einem Schlag in die Schnauze und einer Suppendusche überlebt zu haben. Ab jetzt setze ich mich auf den ersten Platz!

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Leserkommentare

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Norbert Kurt Leupi 23.07.17 23:10
Alltag /Herr Khun Ten
Der selbe Zirkus- nur andere Clowns ! Die Quintessenz fehlt dieses Mal !