Neid, Eifersucht, Missgunst und Gier

Man hat mich gelehrt, Neid sei ein Bruder der Gier. Das habe ich immer bezweifelt, denn mein Bruder, der dreieinhalb Jahre älter ist als ich, hat mich, als ich noch kein Jahr alt war, im Kinderwagen vor ein Auto geschubst, während meine Mutter sich am Straßenrand mit einer Bekannten unterhielt. Der Kinderwagen war Schrott, aber ich wurde durch den Druck auf meinen Bruder geschleudert, der dadurch einige kleine Verletzungen erlitt. Natürlich habe ich davon erst viel später erfahren, aber wenn meine Mutter davon nicht geredet hätte, wäre mein Verhältnis zu meinem Bruder wahrscheinlich besser gewesen als es geworden ist.

Nein, Neid hat wenig – um nicht zu sagen nichts mit Gier zu tun. Möglicherweise, wie in meinem Fall, mit Eifersucht. Ansonsten geht es wohl eher um Missgunst. Der Neider missgönnt dem anderen seinen Erfolg, seinen Reichtum, seine Intelligenz oder seine Schönheit. Aber er will diese Vorteile gar nicht unbedingt für sich haben. Ihm genügt, dass der andere diese Errungenschaften verliert. Es ist ein weltweites Phänomen, auf das die Religionen mit der ewigen Gerechtigkeit des Jüngsten Gerichts zu trösten versuchen. Auch der unausbleibliche Tod schenkt manchem die Gewissheit, dass die im Leben scheinbar so Bevorzugten nicht ungeschoren davonkommen. 

Dennoch ist klar, dass Neid weltweit der Motor ist für alle, die es weiter bringen wollen, die aus Neidern zu Beneideten werden wollen. Zwar wissen sie noch nicht, welche Probleme die Beneideten mit den Neidern haben, die ihnen ihre Vorteile missgönnen. Aber der Kampf um Vorteile ist so alt wie die Menschheit. Ein frühes Beispiel dafür sind die legendären Brüder Kain und Abel. Auch der unselige Adolf Hitler hat dieses Phänomen früh erkannt und hat die Deutschen durch den teilweise zur Schau getragenen Protz der reichen Juden aufgehetzt, bis es zur von ihm gewollten Katastrophe kam.

Neid ist im Grunde der unmöglich gelingende Versuch, Gleichheit zwischen den unterschiedlichen Gesellschaften herzustellen. Die amerikanische Verfassung hat die Möglichkeit für jeden Bewohner, reich und glücklich zu werden, trotzdem in ihre Verfassung geschrieben. Heute gilt dieser Satz als absurd, als amerikanischer Traum, vom Tellerwäscher zum Millionär zu avancieren. Die Wirklichkeit sieht anders aus.

Als ich erstmals nach Thailand kam, trugen fast alle Leute ihre goldenen Ketten, Ringe und Armbänder wie selbstverständlich vor sich her, woraus ich den falschen Schluss zog, dass sie zeigen wollten, sie gehörten zu den erfolgreicheren Schichten der Gesellschaft. Später erfuhr ich, dass diese Juwelen ihre Versicherung darstellten für den Fall, ihnen geschähe etwas Unerwartetes. Das hat sich inzwischen grundsätzlich geändert. Heute protzt kaum noch jemand öffentlich mit seinem Reichtum aus Angst vor Raub und Diebstahl. Auch scheint mir der Neid hierzulande nicht so ausgeprägt zu sein wie in anderen Ländern. Klar, alle sehen hier die tägliche Soap-Operas, die sich vorwiegend in teuren Villen abspielen, aber niemals habe ich bemerkt, dass diese Zuschauer meinten, sie hätten auch ein Anrecht auf den zur Schau getragenen Reichtum. Ganz im Gegensatz zu den Thai-Chinesen. Sie verkörpern den Typus des Emporkömmlings, tun auch alles dafür und schaffen es oft auch. Die reichsten Thailänder sind Thai-Chinesen, die im Gegensatz zu den meisten „Eingeborenen“ hart arbeiten und sparen. Das passt nicht so recht zu den Thais, die in erster Linie Spaß und Vergnügen am Leben haben wollen. Natürlich dürfen sie sich dann nicht wundern, wenn sie sich am Ende in der letzten Reihe der Sozialschicht wiederfinden. Aber irgendwo im Norden oder im Isaan leben ja noch Verwandte, die sie aufnehmen werden. Schließlich will jeder etwas für sein Karma tun.

Es ist an der Zeit, aufzuhören mit dem Glauben an das Märchen, es könne eine Welt geben, in der alle gleich sind, in der es weder Neider noch Beneidete gibt. Jeder ist seines Glückes eigener Schmied. Und wenn es dem einen gelingt erfolgreich zu sein und dem anderen alles misslingt, dann bleibt immer noch die Hoffnung als Triebfeder, es irgendwann doch noch zu schaffen. Darauf zu hoffen, dass die Reichen sich von dem, was sie zu viel haben, freiwillig trennen werden, ist utopisch. Aber vielleicht lernen die Staaten – ähnlich wie in Deutschland – sich der ärmeren Bevölkerung mehr anzunehmen. Mir persönlich würde eine Reichen-Steuer schon genügen, um den Ärmsten ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen.

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Leserkommentare

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Jürgen Franke 14.03.17 18:05
Herr Hoehn, es hat wenig Sinn, dieses Thema
auszudehnen, da auch Passivrauchen ebenso störend wie widerlich ist. Ich erkenne Raucher, auch ohne Zigarette in der Hand oder im Mund, da sich das Laster, besonders bei Frauen, ganz ekelhaft im Gesicht widerspiegelt. Aber die Dummheit der Menschen ist eben grenzenlos. Obwohl die Schädlichkeit auf jeder Packung bebildert wird, nehmen die Menschen dieses "Vergnügen", auf Kosten der Allgemeinheit in Kauf.
Jack Norbert Kurt Leupi 14.03.17 17:49
Gier
Tatsache ist , dass vier fünftel der Menschen auf dieser Welt " a r m " sind , während dem der restliche fünftel noch "ärmer " ist , weil sie nicht genug bekommen können !
Ernst Hoehn 14.03.17 11:48
herr franke
ihren Ausführungen zu folge sind sie ein Nichtraucher. bravo. auch ich gehöre zu dieser Gattung. wiederlich und störend empfinde ich rauchende gäste aber keinesfalls. wiederlich und störend ist viel mehr die Tatsache, dass unser nachbar "Passivrauchen" als grund angegeben hat. die wenigen raucher die unser lokal besuchten fröhnen ihrem vergnügen nun auf dem Gehsteig und der rauch durchmischt sich nun einiges besser mit dem staub und den abgasen des bertächtlichen verkehres . ein Gespräch mit dem Nachbarn haben wir bereits gesucht. erfolglos....uns wurde mit rechtlichen schritten gedroht. in diesem punkt gebe ich ihnen recht herr franke, das hat bestimmt mit Dummheit zu tun.
Jürgen Franke 13.03.17 15:31
Die deutschen Rentner könnten voller Neid auf
die Ruheständler in Österreich blicken, da dort die Rentner immerhin 80% ihre letzten Lones als Rente erhalten, die Deutschen dagegen lediglich 44% Der Unterschied liegt aber vor allem daran, dass alle berufstätigen Österreicher in die Rentenkasse einzahlen. Auch die Beamten, die aber in Deutschland zum großen Teil die Gesetzgebung bestimmen. In Österreich fürchtet sich keiner vor der Altersarmut. Eine Reichensteuer ist dagegen grober Unfug. Wichtig ist vor allen das Steuerrecht entsprechend zu ändern.
Jürgen Franke 12.03.17 17:18
Herr Hoehn, ich finde es traurig, dass es nicht
gelungen ist, zwischen den Besitzern der nebeneinander liegende Geschäfte einen vernünftigen Dialog herzustellen, so dass es erst zu dieser Konfrontation kommen mußte. Mit Neid hat dieses Geschichte nichts zu tun, sondern lediglich mit Dummheit, da das widerliche und störende Rauchen erst auf Nachdruck eingestellt wurde. Es wäre zu empfehlen, mit ihrer Nachbarin ein Gespräch zu suchen.