Mut zu mehr Intoleranz

 Foto: Orlando Bellini / Fotolia.com
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Vor wenigen Tagen stach ein Bewohner eines Flüchtlingsheimes in Hamburg Barmbek in einem Supermarkt wahllos mit einem Küchenmesser auf andere einkaufende Kunden ein. Hintergrund waren islamistische Motive. Traurige Bilanz: Ein Mensch wurde getötet, sechs weitere Kunden wurden teils schwer verletzt. Der Täter war den Sicherheitsbehörden bekannt, war ausreisepflichtig laut der Aussage von Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz, konnte aber wegen fehlender Papiere nicht abgeschoben werden.

Immer wieder hören wir in letzter Zeit, dass amtsbekannte Personen, die eine Gefährdung für die Öffentlichkeit darstellen, völlig ungehindert und unbeobachtet zu Kriminellen werden. Teilweise wird der Staat in Deutschland von Islamisten offen abgelehnt und die tolerante Grundeinstellung des Gastlandes als Schwäche missverstanden.

Es ist vielleicht an der Zeit, sich über Toleranz einige grundsätzliche Gedanken zu machen. Für Freunde des bayerischen Kabarettisten Gerard Polt ist sein Stück „Toleranz“ der perfekte Einstieg (goo.gl/GAXAGg). Es ist zwar viele Jahre alt, zeigt aber sehr schön die Probleme derer auf, die immer und um jeden Preis tolerant sein wollen. Ursache des Dilemmas dürfte sein, Toleranz ist kein Wert per se. Tolerant sein bedeutet lediglich, etwas auszuhalten. Der Begriff ist grundsätzlich positiv belegt, in den letzten Jahren geht der Trend allerdings in Richtung alles und jeden auszuhalten. Kein Problem bei Rauchern und Nichtrauchern, Schwulen und Lesben und vielem anderen. Doch so einfach ist es nicht immer. Ist der Staat in Deutschland nicht viel zu tolerant mit Blick auf beispielsweise Islamisten, die ihn ablehnen? Es entsteht der Eindruck, es wird mittlerweile fast alles toleriert. Der Mörder des elfjährigen Sohnes der Familie Metzler in Frankfurt wollte eine Stiftung zu Gunsten junger Gewaltopfer gründen. In gesellschaftlich progressiven Lagern wurde dies teilweise nicht nur toleriert, sondern sogar ausdrücklich unterstützt. Wie mögen sich die Eltern des ermordeten Jungen bei derartigen Plänen fühlen? Ähnlich groteske Beispiele gibt es viele.

Gesellschaftliche Belastungsprobe

Grenzenlose Toleranz ist jedoch ein Irrweg. Der berühmte Philosoph Karl Popper hat in seinem Buch „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ schon vor mehr als 70 Jahren ein Paradoxon meisterlich festgestellt, nachdem uneingeschränkte Toleranz mit Notwendigkeit zum Verschwinden der Toleranz führt. Popper rief damals dazu auf, im Namen der Toleranz das Recht in Anspruch zu nehmen, die Unduldsamen nicht zu dulden. Diese Schlussfolgerungen gelten auch im Jahr 2017. Vor dem Hintergrund einer steigenden Bedrohung der Bevölkerung durch Islamisten, einer Zunahme von Parallelgesellschaften in Deutschland, Ehrenmorden und vielen anderen Entwicklungen, die nicht mit westlichen Werten vereinbar sind, ist blinde Toleranz für alles und jeden nicht länger Attribut einer progressiven Gesinnung, sondern vielmehr der Ausdruck von Feigheit, Opportunismus und Ignoranz. Nicht zuletzt muss ebenfalls klar sein, dass zu viel Toleranz die eigenen Werte aufweicht. Derzeit sieht es leider so aus als würde sich gerade Deutschland auf diesem Wege befinden.

Als nächstes stellt sich folglich die Frage, wieviel Toleranz eine Gesellschaft aushält. Der Ingenieur tut sich leicht. Er kann genau feststellen, wie weit sich eine bestimmte Metallstange biegen lässt, bevor sie bricht. Ihre Toleranz diesbezüglich ist exakt messbar. Bei gesellschaftlichen Entwicklungen ist es nicht ganz so einfach. Die Gesamtsituation ist komplex und die Frage, wann und ob es zum Knall kommt, hängt von zahllosen Einzelfaktoren ab. Feststellen lässt sich allerdings, ab wann Toleranz zur Belastungsprobe für die Gesellschaft wird. Nämlich dann, wenn durch zu viel Toleranz Rechtsgüter beschädigt oder zerstört werden.

Der gegenwärtige Trend in westlichen Gesellschaften, gewisse Dinge nicht zu sagen, weil sich jemand beleidigt fühlen könnte oder Gefühle verletzt werden könnten, ist ein gefährlicher Irrweg. Eine freie Gesellschaft muss das aushalten, solange keine geschützten Rechte anderer verletzt werden. Für Entwicklungen hingegen, die Rechtsgüter gefährden oder zerstören muss gelten „Null Toleranz“!


Über den Autor

​​Christian Rasp ist Rechtsanwalt und seit 1992 in Thailand, Hongkong und China tätig. Er leitet ein spezialisiertes  Consulting-Haus, lebt und arbeitet in Hua Hin, Bangkok und Hongkong. Die Kolumne Nachgefragt“ beschäftigt sich vorwiegend mit aktuellen ökonomischen Fragestellungen, die es verdienen, etwas genauer unter die Lupe genommen zu werden. 

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Leserkommentare

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Jürgen Franke 02.09.17 09:31
Herr Herrmann, da ich grundsätzlich auch
der Meinung bin, sich klar und deutlich zu artikulieren, werde ich auch in Zukunft akzeptieren müssen, dass schon mal über das Ziel der Meinungsäußerung hinausgeschossen wird. Sorry für das Negativbeispiel.
Michael Herrmann 02.09.17 05:12
Bedauerlicherweise....
Ach Herr Franke, manchmal müssen auch deutliche Worte gesprochen, bzw. geschrieben werden. Das viele Menschen dies nicht verstehen (wollen) ist leider die bedauerliche Begleiterscheinung einer Gesellschaft, die Toleranz bis zur Selbstaufgabe ja quasi zur Staatsdoktrin erklärt hat. Wie Sie sicherlich bemerkt haben, ....ich gehöre nicht dazu. Und für Sie als "Negativbeispiel" zu gelten, ist für mich geradezu ein "Ritterschlag". Ich wünsche Ihnen trotzdem noch eine angenehme Zeit und ein schönes Wochenende.
Levi de Ruiter 02.09.17 03:35
Mut zu mehr Intoleranz
Meinungsfreiheit heißt doch nicht, dass der Vermeidlich kluge alles und jeden mit seiner Alberei zuschütten muss. Abweichler die qualifizierte und tiefgreifende Verbesserung einer verfehlten und eingerosteten Sachlage kritisieren, aber auch Verbesserungen anheimstellen sind nicht unbedingt die Feinde einer Demokratie. Was nicht zur freien Ansprechbaren Meinung gehört, sind die rein polemischen und verleumderischen aussagen, die nur das Diffamieren und beleidigen einiger Entscheidungsträger zum Ziel hat, und aus einer Frust Situation genährt und ableitet werden. Wenn eine Situation, die durch Entscheidungen getroffen wurde und den von sich selbst überzeugten Demokraten einschränkt, so dass es nicht möglich ist, das Leben nach den eigenen Regeln (die ja immer die besten sind) zu gestalten, muss man Mehrheiten finden um die Lebenssituation umzugestalten, dass sie der eigenen Meinung nach erträglich ist. Somit könnte der Demokrat Entscheidungen auf einen Level bringen, und auch so umzugestalten, dass er und seine Anhänger wieder so leben könnten, wie es lebenswert sein könnte. Da ich aber kein Wahlrecht in Deutschland ausüben darf, vertraue ich auf das Aufwachen des Wahlvolks und hoffe darauf, dass es nicht wie nach der Weimarer Republik und den bekannten Folgen zu einer politischen Neuordnung, die dann wieder keiner gewollt hat kommt.
Jürgen Franke 01.09.17 21:40
Bedauerlicherweise ist auch hier im Forum
festzustellen, dass einige Leser die Toleranzgrenzen überschreiten, um lediglich unmotiviert rumzupöbeln. Der Kommentar von Herrn Herrmann wäre für mich ein Negativbeispiel dafür
Michael Herrmann 01.09.17 20:27
@Thema verfehlt
Herr Obermeier, oder sollte man sagen Herr Oberschlaumeier?!?, denken Sie hin und wieder auch nach, bevor Sie die Tastatur bedienen? Herr Rasp beschreibt in seinem Artikel mit sehr deutlichen Worten die momentane Ist-Situation in der bunten Republik. Dass manche Menschen in jeder Suppe ein Haar finden, macht uns nur menschlich. Herrn Rasp aber Stimmungsmache und die Bedienung einer "Klientel" (welche bitte schön meinen Sie?!?) zu unterstellen weil er Wahrheiten anspricht, halte ich, gelinde gesagt, für eine Frechheit. Hier bewahrheitet sich einmal mehr der Spruch: "Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal die Fresse halten". In diesem Sinne, man sieht sich im Lotterstädtchen. gelinde gesagt für