Musik

Das bekannte Wort von Wilhelm Busch: "Musik wird störend oft empfunden, weil meist sie mit Geräusch verbunden", wird manchem Farang in den Sinn kommen, wenn er bei einem Fest im Dorf das Gefühl hat, seinen Ohren würde zuviel zugemutet.

Die thailändische Musik klingt fremd für das westliche Ohr, es gibt keine Harmonie im westlichen Sinne. Vor allem die Lieder des Isaan klingen für unsere Ohren wie eine eintönige Litanei auf- und abschwellender Töne, mehr Rezitation als Gesang. Neuere Unterhaltungsmusik, die man von morgens bis spät im Radio hört und die bei Festen vom Band abgespielt wird, lehnt sich zwar mehr an westliche Musikformen an, hat aber stets einen landestypischen Charakter bewahrt und klingt in unseren Ohren immer noch sehr fremd.

Es gibt bei uns auf dem Dorf verschiedene Möglichkeiten, Töne zu produzieren, die in Thai-Ohren wie Musik klingen.

Da ist zunächst die Dorfkapelle. Sie besteht aus 2 Gitarren und 10 Trommeln und Pauken. Bei jedem mit einem Umzug gefeierten Fest im Dorf, z. B. bei der Mönchsweihe, zieht diese Truppe, begleitet von einem Pickup, der eine überdimensionale Lautsprecheranlage trägt, gefolgt von allen im Dorf, die noch auf zwei Beinen gehen können, durch die Gemeinde. Alles tanzt oder zuckt zumindest mit den Gliedern und verdreht Arme und Hände im rhythmischen Klang der Trommeln. Dabei kreisen ständig die Lao-Khao-Schnaps- und Bierflaschen, so dass am Ende der Tour die meisten kaum noch laufen können oder zugedröhnt sind.

Das nach solch einem Umzug im Festhaus aufspielende Tanzorchester besteht meist aus einem 3-seitigen Streichinstrument, dem der Geiger hohe, quälende bis quietschende Töne entlockt, einem klarinettenartigen Holzblasinstrument, mehreren kleinen Trommeln oder Becken und zwei kleinen Schlagschalen, eventuell auch noch einem Schlagzeug. Häufig wird auch die Khaen, eine Mundorgel, gespielt.

Für den westlichen Hörer besteht ein von diesem Orchester gespieltes Musikstück aus immer wiederkehrenden, gleichklingenden Passagen, die kein Ende finden und meist auch von einem Sänger begleitet werden. Die Liedtexte handeln vom Leben auf dem Land, den Problemen der in die Städte gezogenen Landbewohner und natürlich von Liebe und Treue. Die jüngere Generation ist allerdings mehr an westlichen Schlagern interessiert, und so dröhnt bei einem Fest in einem Isaan-Dorf aus den Lautsprechern nacheinander ein thailändisches Liebeslied und "Oh La Paloma Blanca”.

Zu jedem Fest gehört Musik in vollster Lautstärke als wichtigster Bestandteil mit dazu. Was in unseren Ohren an Melodie fehlt, das wird durch Lautstärke kompensiert. Beim Musikhören hat man den Eindruck, dass alle Thais schwerhörig geboren sind, oder dass sie der Meinung sind, nicht voll auf ihre Kosten zu kommen, wenn die Verstärker nicht so weit aufgedreht sind, dass die Boxen zittern. Dass eine Feier bevorsteht erkenne ich immer daran, dass schon am Tag vor einem Fest, egal ob Hochzeit oder Mönchsweihe, ein paar Burschen mit einer überdimensionalen Lautsprecheranlage aufkreuzen, wie wir sie nur von Rockkonzerten kennen, und sie so vor dem Festhaus aufbauen, dass der möglichst größte Teil des Dorfes beschallt wird. Nachmittags wird dann die Anlage ausprobiert, und weil Musik so schön ist, läuft die Anlage in vollstmöglicher Lautstärke bis nach Mitternacht. Morgens früh um 5 Uhr wird die Anlage wieder aufgedreht und läuft dann ohne Unterbrechung bis tief in die Nacht. Dabei ist es egal, dass die halbe Dorfbevölkerung nicht schlafen kann.

Wer also meint, dass es in Bangkok oder Phuket laut ist, wo neben dem Straßenverkehr auch noch an jeder Straßenecke ein Verkäufer von Musikkassetten seine Ware lautstark zu Gehör bringt, der sollte nicht auf eine Festlichkeit im Isaan gehen - zum Beispiel zu einer auf dem Land besonders beliebten Mor-Lam-Schau, bei der auf der Bühne eine Truppe kurzberockter hübscher Mädchen nicht nur etwas für die Ohren, sondern auch für die Augen bietet. Wer zu einer Mönchsweihe oder Hochzeit eingeladen wird, sollte eventuell daran denken, sich vorher ausreichend mit Ohropax einzudecken. Ich bringe mir immer eine große Packung aus Deutschland mit, und so kann ich auch die Dorffeste ohne schwerere gesundheitliche Schäden an meinen Hörorganen überstehen.

Günther Ruffert

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