Monsunregen

Es war ein langer Abend geworden in meiner Stammkneipe. Als ich endlich aufbrechen wollte, begann es zu regnen, und daraus entwickelte sich in kürzester Zeit ein stürmischer Monsunregenguss, wie ich ihn noch nie erlebt hatte. Schon nach wenigen Minuten standen die Straßen unter Wasser, aus den Abfluss-Gullys spritzte das Wasser in hohen Fontänen. Es gab keine Chance heimzukommen. Was blieb uns übrig? Wir saßen im Trockenen und tranken weiter. Nach zwei Stunden hatte der Regen aufgehört, weitere zwei Stunden später war das Wasser in den Straßen so weit abgeflossen, dass man sich auf den Heimweg machen konnte.

Sie hätten das Elend sehen sollen, als ich heimkam. Meine Herzallerliebste hockte in einem Sessel, völlig durchnässt, die nassen Haare hingen in Strähnen an ihr herunter, und um sie herum stand das Wasser.

"Was ist passiert, Schatz?"

Gottergeben schaute sie nach oben: "Das Dach, Callolo, der Sturm."

Ich sah nur, dass Wasser durch die Decke drang, und nicht nur im Wohnzimmer, auch im Schlafzimmer, im Bad und in der Küche.

Wie konnte das sein? Erst vor sechs Monaten hatten wir das Dach neu decken lassen.

Nach einer schlaflosen Nacht rief ich die Firma an, überzeugt davon, dass man sofort Fachleute schicken würde, um das Dach zu reparieren. Schließlich hatten wir darauf eine Garantie. Pustekuchen! Der Chef erklärte mir, der Sturm der letzten Nacht sei eine Naturkatastrophe gewesen, für die es keine Garantie gäbe. Auch für Geld war er nicht in der Lage, seine Handwerker zu schicken, denn in der Stadt seien mehr als zweihundert Häuser abgedeckt worden.

Was konnten wir tun? Alles im Haus war nass. Wir entschieden uns, in ein nahes Hotel umzuziehen. Nach weiteren drei Tagen fand ich endlich eine Firma, die bereit war, das Dach zu reparieren.

Der Ingenieur der Truppe sagte zu mir: "Welcher Idiot hat das so gemacht? Das musste ja beim ersten Sturm auseinanderfliegen."

"Sie meinen, die Baufirma hat Fehler gemacht?"

"Klar. Sie hat alles falsch gemacht, was man falsch machen kann."

"Dann sollte ich auf Schadenersatz klagen?"

"Natürlich."

"Und würden Sie als Zeuge für mich aussagen?"

Er schaute mich an wie einen Abgesandten von einem anderen Stern.

"Vor Gericht würde ich kein Wort sagen."

Na, wunderbar. Thailand lässt mich immer wieder jubeln.

Er reparierte mit seiner Truppe das Dach, während ich mit meiner Herzallerliebsten versuchte, die Wohnung und die Einrichtung wieder zu trocknen. Einiges war schon unwiederbringlich verloren. Wir warfen es auf den Müll.

Plötzlich meinte meine Herzallerliebste: "Haben wir nicht eine Hausratversicherung?"

"Klar, haben wir."

"Ist da nicht auch Wassereinbruch mitversichert?"

Ich zog den Ordner hervor, aber der war völlig durchweicht, und die Verträge waren unleserlich. Ich rief den Vertreter an. Der kam und inspizierte den Schaden. Zehntausend Baht bot er uns als Ausgleich an. Lächerlich! Meine Herzallerliebste bot ihm stattdessen einen Kaffee an. Und ließ ihn Platz nehmen in einem durchnässten Sessel. Er steigerte sein Angebot auf fünfzehntausend Baht. Ich zeigte ihm den Ordner mit all den inzwischen unleserlich gewordenen Verträgen und Dokumenten. Er erhöhte sein Angebot auf zwanzigtausend Baht.

Als meine Herzallerliebste ihm, völlig aufgelöst, ihr Fotoalbum in den Schoß warf, in dem nur noch verwaschene Bilder steckten, zeigte er endlich Gefühle.

"Ich verstehe ja ihren Schmerz, aber ich darf nicht…"

Ich zog derweil unleserlich gewordene Bücher aus dem Regal.

"Und was ist damit?"

Herr Büthe-Müskau erhob sich mit sorgenvoller Miene und sein feuchter Hosenboden entlockte mir ein befriedigtes Lächeln.

Als ich versuchte, den Fernseher einzuschalten, gab es eine funkensprühende Explosion.

"Und Sie wollen uns wirklich mit zwanzigtausend Baht abspeisen, Herr Büthe-Müskau?

Habe ich dafür zehn Jahre lang die Versicherung bezahlt? Entweder sie machen jetzt einen Vorschlag, der dem realen Schaden entspricht, oder ich werde mich an die Öffentlichkeit wenden, an Zeitungen, Radio und Fernsehen."

Der arme Herr Büthe-Müskau sah mich so traurig an, dass ich fast Mitleid mit ihm bekam.

Aber bevor ich zurückrudern konnte, mischte meine Herzallerliebste sich ein:

"Entweder zweihunderttausend Baht oder Krieg."

Herr Büthe-Müskau knickte ein. Er füllte einen Scheck über diese Summe aus und verabschiedete sich.

Am anderen Morgen kam ein Abgesandter der Firma, die vor sechs Monaten das Dach für zweihunderttausend Baht neu eingedeckt hatte, und bot als Garantieausgleich hunderttausend Baht an.

Meine Herzallerliebste ist immer noch damit beschäftigt, alles, was noch zu retten ist, zu trocknen. Dann meinte sie: "Callolo, wenn wir einen Platz finden, wo wir alle wichtigen Akten und Dokumente regensicher verstauen können, dann kann es ruhig wieder durchregnen. Mit etwas Glück können wir daran nur verdienen."

"Weißt du was?" entgegnete ich, "vielleicht ist es für dein Überleben sicherer, wenn du endlich schwimmen lernst."

Ich brachte es ihr mit einiger Mühe bei. Und seitdem schwimmen wir jeden Tag. Fast würde ich sagen: Wir schwimmen sozusagen im Glück.

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