Letzte Ausfahrt Bukit Brown - Friedhof wird Autobahn

Foto: epa/Stephen Morrison
Foto: epa/Stephen Morrison

SINGAPUR (dpa) - Im kleinen Stadtstaat Singapur hat man schon zu Lebzeiten nicht viel Platz. Aber als Toter noch weniger. Mitten durch einen wunderbaren Friedhof bauen die Behörden nun eine Autobahn. Doch es regt sich Widerstand.

All die Jahrzehnte ging der Blick von Herrn Wang hinaus auf ein Idyll: dichtes Grün, alte Steine, bunte Vögel der verschiedensten Art. Und, abgesehen von ein paar Tagen im Jahr, kaum Menschen. Jetzt allerdings: Betonmischer, Kräne, Asphalt. Und überall Männer mit Schutzhelmen. Insofern: Vielleicht ganz gut, dass der alte Chinese, der auf seinem Grabstein so nobel von einem Schwarz-Weiß-Foto schaut, das alles nicht mehr erleben muss.

Aber wenigstens ist das Grab von Herrn Wang (1861-1927) von der Großbaustelle verschont geblieben, die sich nun durch den Bukit-Brown-Friedhof von Singapur zieht. Einer der größten und gewiss auch schönsten chinesischen Friedhöfe der Welt wird künftig durch eine achtspurige Stadtautobahn geteilt. Eröffnung ist nächstes Jahr. Damit verschwindet in dem südostasiatischen Stadtstaat, der so sehr auf Moderne setzt, dann wieder ein Stück Vergangenheit.

Nur ein halbes Jahrhundert lang, von 1922 bis 1972, war Bukit Brown (Bukit heißt Hügel, George Henry Brown war ein englischer Pionier) in Betrieb. Aber in dieser Zeit wurden mehr als 100.000 Menschen hier begraben. Die Geschichte reicht noch weiter zurück, weil hier früher schon Grabstätten waren. Der älteste Grabstein stammt von 1833.

So lässt sich auf den 2,13 Hektar durch die ganze Stadtgeschichte wandern. Arme Leute, reiche Leute. Einfache Gräber, protzige Gräber. Kriegszeiten, Friedenszeiten. Die verschiedensten Religionen, alle möglichen Nationalitäten. Vieles ist heute überwuchert. Das geht hier schnell. Bukit Brown hat sich deshalb auch zum Treffpunkt Vogelkundlern und Geisterjägern entwickelt. Wobei die Ornithologen zuverlässig mehr zu Gesicht bekommen.

Das monumentalste Grab gehört Ong Sam Leong (1857-1918), einem Chinesen, der billige Arbeitskräfte nach Singapur brachte, und seiner Frau: 600 Quadratmeter Stein, bewacht von den Figuren chinesischer Löwen und indischer Sikh-Soldaten. Ähnlich pompös sind auch andere Ruhestätten. Manche vergleichen Bukit Brown deshalb mit dem Père Lachaise in Paris oder dem Highgate Cemetery in London.

Aber wie lange noch? «Für uns ist Bukit Brown ein wunderbares Archiv», sagt Professor Kenneth Dean, Leiter der Sinologie-Abteilung an der Nationaluniversität. «Doch so wie sich die Dinge entwickeln, bin ich in Sorge, ob der Friedhof noch lange überleben wird.»

Auch ein Großonkel von Singapurs Gründervater Lee Kuan Yew liegt hier in der Erde. Das völlig zugewachsene Grab wurde allerdings erst entdeckt, als die Bauarbeiten schon begonnen hatten. Aber auch wenn das schon früher geschehen wäre: Geändert hätte es wohl nichts.

Singapur - 5,7 Millionen Einwohner, aber mit nicht einmal 720 Quadratkilometern kleiner als Hamburg - ist so verzweifelt auf der Suche nach Platz, dass auf die Toten keine große Rücksicht genommen wird. 1978 gab es hier noch 213 Friedhöfe. Heute existiert noch ein einziger, auf dem man sich tatsächlich begraben lassen kann. Aber selbst dort ist es mit der Totenruhe nach 15 Jahren vorbei.

Zur Platzbeschaffung wurden in den vergangenen Jahrzehnten hunderttausende Gräber ausgehoben. Selbst die bekannteste Einkaufsstraße der Stadt, die Orchard Road, ist auf Gräbern gebaut. Heute ist Standard, dass Tote eingeäschert werden. Auch Lee Kuan Yew (1923-2015), ein sehr pragmatischer Mann, übergab sich dem Feuer. Und selbst die Knochen aus den 3.700 Gräbern, die wegen des Autobahn-Baus in Bukit Brown ausgehoben wurden, wurden noch verbrannt.

Allerdings waren das nicht so viele wie ursprünglich geplant - das ist ein Erfolg einer Bürgerinitiative, die aus dem Widerstand gegen die Stadtautobahn-Pläne entstand. Ursprünglich hätten 5.000 Gräber ausgehoben werden sollen. Einer Gruppe von Freiwilligen, die sich «Brownies» nennen, gelang es aber, etwa 1.300 Grabstätten zu retten. Für das recht autoritär regierte Singapur ist das ungewöhnlich.

Zudem verzichteten die Behörden darauf, die Grabsteine schreddern zu lassen. Stattdessen wurden sie katalogisiert und erst einmal zwischengelagert. Was künftig mit ihnen passiert, ist noch nicht entschieden. Wie auch die Zukunft des Friedhofs an sich noch ungeklärt ist. Von früheren Plänen, weitere Straßen und neue Häuser zu bauen, ist aktuell keine große Rede mehr. Professor Dean bekam sogar Regierungsgeld für ein Bukit-Brown-Forschungsprojekt.

Ob das Bestand haben wird, darüber sind sich die «Brownies» nicht sicher. Einstweilen führen sie jetzt Schulklassen und Touristen über ihren Friedhof, um das Interesse aufrecht zu erhalten. Aber wer sich so oft mit dem Tod beschäftigt, sieht die Dinge vielleicht auch anders. Eine der «Brownies», Catherine Lim, eine ehemalige Journalistin um die 60, sagt: «Solange ich auf der Welt bin, wird es den Friedhof jedenfalls noch geben. Und das ist doch schon mal was.»

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