Lebens-Chancen

Das Telefon klingelt: „Hal­lo, C.-F, wo bleibt deine Kolumne? Wir warten seit gestern darauf. Wir brauchen sie bis spätestens 18 Uhr.“ – „Entschuldigung, habe ich glatt verpennt.“ Was soll ich auf die Schnelle schreiben? Die für meinen Deutschlandaufenthalt vorgesehenen und vorbereiteten Kolumnen sind tabu. Ich will einen positiven Artikel schreiben, einen, der Mut macht. Und da fällt mir mein bester Freund ein. Über seine Karriere kann ich einiges schreiben, denn ich kenne ihn besser als jeder andere. Und gleichzeitig kann ich damit allen Mut machen, die glauben chancenlos zu sein, wie damals mein bester Freund.

Er wurde kurz vor Ausbruch des 2. Weltkriegs in Deutschland geboren. Er verbrachte seine Kindheit bei Nacht vorwiegend im Bunker, wurde ausgebombt, die Familie mit drei Kindern in einer Notunterkunft untergebracht. Sein Vater war in Kriegsgefangenschaft. Als der zurückkam, arbeitete er als selbständiger Polstermeister in einer Garage. Kunden kamen selten. Des Öfteren kam stattdessen der Hunger. Ein Care-Paket ist in seiner Familie nie angekommen, weil seine Eltern ohne jeden Einfluss waren, dem Nazi-Regime ablehnend gegenüber gestanden hatten und höchst bescheiden waren. Wir Kinder klauten Steckrüben auf den Feldern. Rüben gab es morgens, mittags und abends, roh, gebraten oder gekocht. Um im Winter nicht zu erfrieren, stieg mein bester Freund auf die Pferdefuhrwerke, die die Briketts vom Bahnhof in die Kohlenhandlungen brachten. Er warf die Briketts vom Wagen runter, die sein Bruder im Sack einsammelte. Ein Brikett musste jeder Schüler täglich in seiner Klasse abgeben, damit die Öfen im Winter in den Klassenräumen beheizt werden konnten. Mein bester Freund hat auch einmal beobachtet, wie sein Klassenlehrer in der Pause seine Aktentasche mit einigen der mitgebrachten Briketts gefüllt hat. Damals gab es – zumindest in seiner Welt – nur arme Säue. Jeder musste sehen, wo und wie er überlebte. Mit knapp achtzehn Jahren zog er nach Hamburg, arbeitete als Tellerwäscher in den Hauptbahnhofs-Gaststätten und holte nebenbei das Abitur nach.

Sichtwechsel auf Thailand:

Hier lebe ich seit vielen Jahren. Ich habe alle Regionen des Landes besucht, weiß auch, dass Not, Hunger und Armut immer noch das Leben vieler Thais bestimmen. Kein Regen: Die Reisernte verdorrt. Zuviel Regen: Der Reis verschimmelt. Was bleibt? Die Kinder verlassen die elterliche Hütte und versuchen im Süden zu überleben und Geld für die arme Familie zu verdienen. Was bleibt den ungebildeten jungen Burschen und Mädchen übrig? Arbeit in einer Fabrik? Bringt nicht mehr als das eigene Überleben. Arbeit in einer Bar? Da muss das Äußere stimmen, und man muss schon bereit sein, einiges über sich ergehen zu lassen. Freelancer? Ziemlich schwierig, weil es keinerlei Sicherheit gibt. Das Ziel ist natürlich immer, einen Farang zu finden, der bereit ist zu zahlen, auch für die arme Familie im Isaan. Leider ist das nicht so einfach, weil der gerade geangelte Farang nach 2 oder 3 Wochen wieder heimwärts fliegt. Wird er ihr oder ihm treu bleiben? Wird er regelmäßig Geld schicken? Nein, damit kann man nicht rechnen, auch wenn die Liebe so unendlich groß war. Sie war zeitlich begrenzt. Also macht man sich auf die Suche nach dem nächs­ten Lover. Ein neues Leben, eine neue Chance, eine neue Hoffnung, und wahrscheinlich ein neues Fiasko. Und derweil wird man alt und älter, sorgt dafür, dass die nächste Generation auf den Markt kommt. Es muss ja weiter gehen. Und es geht weiter – schon seit zig Jahren, als die Amerikaner abzogen, als die Farangs mit dem „Bumsbomber“ kamen und mit dem „Tripperclipper“ heimflogen (dieser Spruch war uns schon als Schülern vertraut). Bis auf den heutigen Tag ist diese Art des Tourismus ein unentbehrlicher Beitrag zur Wirtschaft dieses Landes. Aber wie sind die Chancen dieser jungen Thais, die aus ärmeren Verhältnissen in die Touristenzentren kommen? Ich beobachte viele von ihnen, die über alle technischen Geräte verfügen, die heute auf dem Markt sind. Um Armut, Hunger oder Not scheint es ihnen vorwiegend nicht zu gehen. Mit dem auf den Rücken geschobenen Buddha-Amulett – damit er nichts sieht – sind sie zu allem bereit, solange sie gefragt sind. Und dann? Nichts gelernt, keinerlei Ausbildung und irgendwann heim in den Isaan, heim in das bescheidene Leben, dem sie einst entkommen wollten. Ich finde, die Chancen dieser Menschen sind nicht besonders gut. Aber es gibt Hoffnung!

Warum? Weil mein bester Freund, der den 2. Weltkrieg überlebt hat, ausgebombt wurde und mit Hunger und im Elend aufgewachsen ist, im Grunde chancenlos war. Und trotzdem hat er es zu etwas gebracht: Er wurde erfolgreicher Fernseh-Redakteur, Theaterleiter und Schriftsteller. Mein Rat: Ärmel aufkrempeln und zupacken! Oder anders ausgedrückt: Den scheinbar Chancenlosen getrost einen Tritt in den Allerwertesten geben. Täglich bieten sich neue Chancen, und wer sich selbst aufgibt hat schon verloren.

Übrigens: Mein bester Freund – der war und der bin ich. 

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