Kurz gefragt: Annegret Helmer und Ulrich Holste-Helmer

Foto: Gerhard Klinkhardt
Foto: Gerhard Klinkhardt

BANGKOK: Nach sechs Jahren verlassen Pastorin Annegret Helmer und Pastor Ulrich Holste-Helmer im Juni die Evangelische Gemeinde Deutscher Sprache in Thailand. Im Interview mit Redaktionsleiter Björn Jahner blickt das Pastorenehepaar auf die Arbeit in der Pfarrstelle in Bangkok und Pattaya zurück.

Frau Helmer, Herr Holste-Helmer, mit welchen Gefühlen verlassen Sie Thailand?

Ulrich Holste-Helmer: Mit gemischten Gefühlen – es waren sechs intensive Jahre, für die ich dankbar bin, mit vielen Eindrücken in Thailand und den Nachbarländern. Aber jetzt ist es auch erst einmal „genug“.

Annegret Helmer: Mit großer Dankbarkeit für sechs reich gefüllte und spannende Jahre! Im Vordergrund stehen viele lebendige Begegnungen mit den unterschiedlichsten Menschen und ihren oft sehr interessanten Lebensgeschichten. Oft waren diese Kontakte sehr herzlich und erfrischend unkompliziert, manchmal aber auch herausfordernd, wenn problematische Lebenssituationen oder persönliche Krisen der Anlass waren. Ich freue mich aber auch darauf, in Zukunft unseren Kindern, unseren hochbetagten Eltern und vielen guten Freunden, die uns damals nur ungern ziehen ließen, wieder näher zu sein.

Wenn Sie auf Ihre Zeit in Thailand zurückblicken, wie waren die Anfänge, als Sie die Gemeinde übernommen haben und wie ist der jetzige Zustand?

Ulrich Holste-Helmer: Für mich persönlich brauchte ich natürlich erst einmal eine Orientierung in dem für mich bis dahin fremden Land. Der intensive Thai-Sprachkurs hat mir dabei geholfen. Aber auch, dass ich von vielen Menschen – deutschsprachigen wie Thais – freundlich aufgenommen wurde. 2011 mussten an manchen Stellen Kontakte wiederbelebt werden, die nach der fehlgeschlagenen Wiederbesetzung der Pfarrstelle im Sommer 2010 eingeschlafen waren. Auch die Zusammenarbeit mit dem Deutschen Hilfsverein war zu jener Zeit nicht ohne Spannungen. Das hat sich sehr positiv entwickelt. Nach sechs Jahren können wir feststellen, dass innerhalb der Gemeinde ein gutes Miteinander besteht, und dass die Gemeindearbeit in der deutschsprachigen Community gut vernetzt ist.

Annegret Helmer: Wir kamen in eine Gemeinde, die räumlich noch stark auf Bangkok konzentriert und in ihren Angeboten auf Expat-Familien orientiert war. Heute stehen die Standorte Bangkok und Pattaya, so unterschiedlich sie sind, viel gleichwertiger nebeneinander als damals. Und das ist auch richtig so, wenn man die Zahlen der deutschsprachigen Residenten betrachtet.

Auf welche Erlebnisse bli­cken Sie gerne zurück?

Ulrich Holste-Helmer: Für die Gemeinde waren sicher die Vortragsveranstaltungen mit Dr. Margot Kässmann im Februar 2016 zum 500. Gedenkjahr der Reformation ein Highlight. Ich habe mich vor allem darüber gefreut, dass sich dabei die deutsche, die Schweizerische, die Österreichische und die Tschechische Botschaft mit ausführlichen Grußworten beteiligt haben, die auch etwas über die Wirkung der Reformation in ihren jeweiligen Ländern berichteten.

Gab es auch schwierige Situationen, die Sie zu meis­tern hatten?

Annegret Helmer: Gleich zu Beginn unseres Dienstes gab es zwei dicke Probleme zu lösen. Zum einen hatte die Gemeinde ein hohes und auf Dauer so nicht tragbares strukturelles Defizit bei den Finanzen. Das haben wir, sobald es möglich war, durch den Wechsel des Gemeindehauses in Bangkok, beseitigen können. Zum anderen gab es in der Anfangsphase des Begegnungszentrums in Pattaya sehr unterschiedliche Vorstellungen und auch manchen Streit darüber, wie ein solches Zentrum organisiert und geleitet werden soll. Es hat eine Weile gedauert, bis wir die notwendige Klarheit darüber herstellen konnten, dass eine evangelische kirchliche Einrichtung sich durch Offenheit für alle, kollegiale Leitungsstrukturen und größtmögliche Transparenz im Umgang mit den Finanzen auszeichnen muss.

Ulrich Holste-Helmer: Anspruchsvoll war sicher auch die Organisation der deutschsprachigen Gedenkfeiern in Khao Lak zum 10-jährigen Erinnern an den Tsunami 2004. Glücklicherweise konnten wir da mit Kollegen von der Notfallseelsorge zusammenarbeiten, die wir schon von unserer Dienstzeit aus Deutschland her kannten. Und auch die Botschaften von Deutschland, der Schweiz und Österreich haben sich dort unterstützend mit eingebracht.

Wie erfolgte die ökumenische Zusammenarbeit mit der katholischen Gemeinde?

Annegret Helmer/ Ulrich Holste-Helmer: Wir durften von Anfang an hier in Thailand eine sehr enge und vertrauensvolle Zusammenarbeit mit unserem katholischen Amtsbruder, Pfarrer Jörg Dunsbach, erleben. Ein solches herzliches und geschwis­terliches gemeinsames Wirken hatten wir uns ebenso wie er in Deutschland immer gewünscht aber nie gefunden. Mit unseren persönlichen Gaben und Interessen ergänzen wir uns im Religionsunterricht an der RIS Swiss Section – Deutschsprachigen Schule Bangkok sowie bei gemeinsamen Gottesdiensten und ökumenischen Veranstaltungen wie der Nikolausfeier oder dem Neujahrsempfang sehr gut und erleben, dass dies eine überzeugende Ausstrahlung in beide Gemeinden und auch in die deutsche Community drüber hinaus hat.

Unterscheidet sich die Arbeit in einer Auslandsgemeinde sehr von der in einer deutschen Gemeinde?

Annegret Helmer/ Ulrich Holste-Helmer: Ja und nein! Einerseits tun wir das, was Pastoren auch in Deutschland tun: Wir halten Gottesdienste, gestalten Trauungen und Trauerfeiern, geben Konfirmanden- und Religionsunterreicht und stehen als Seelsorger in sozialen Notfällen oder persönlichen Krisen bereit. Andererseits haben wir es in unserer Gemeinde oder darüber hinaus mit einem wesentlich breiteren Spektrum unterschiedlichster Menschen zu tun, als in einer durchschnittlichen Gemeinde in Deutschland. Hier begegnet uns alles zwischen „Diplomaten und Dropouts“.

Wurde für Sie schon ein Nachfolger bestimmt?

Annegret Helmer/ Ulrich Holste-Helmer: Wir freuen uns sehr, dass am Ostersonntag Pfarrer Carsten Körber aus Düsseldorf zum neuen Pfarrer der Evangelischen Gemeinde Deutscher Sprache in Thailand gewählt wurde. Er wird seinen Dienst im August 2017 antreten. So ist für einen nahtlosen Übergang gesorgt. 

Welche Voraussetzungen muss er erfüllen?

Annegret Helmer/ Ulrich Holste-Helmer: Wir glauben, in Thailand braucht es vor allem eine große innere und äußere Beweglichkeit. Die Fähigkeit, sich auf unterschiedlichste Menschen einstellen zu können. Man muss auch „schrägen Typen“ oder sehr kirchenkritischen Haltungen mit Weitherzigkeit begegnen können und sollte an ihren Geschichten und Lebenserfahrungen ehrlich interessiert sein. Und natürlich schaden eine gewisse Reisebereitschaft zu weit verstreuten Gemeindemitgliedern und gesundheitliche Tropenfestigkeit nicht.

Auch Pastor Bernhard Liebe in Pattaya ist zurück nach Deutschland gegangen. Wird es für ihn einen seelsorgerischen Ersatz geben?

Annegret Helmer: Erfreulicherweise ist auch hier ein Nachfolger in Sicht. Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) wird Pfarrer i.R. Wolfgang Leuschner ab September 2017 für den Dienst am Begegnungszentrum Pattaya beauftragen.

Für das Begegnungszentrum (BZ) in Pattaya wurde ein Förderkreis gegründet. Wie geht es weiter?

Annegret Helmer: Der Förderkreis hat in diesem Jahr bereits einen wesentlichen Zuschuss für die Mietkosten gegeben. Dafür sind wir sehr dankbar. Aber auch sonst haben sich die Einnahmen aus Spenden und Kollekten erfreulich entwickelt. Daran merkt man die große Wertschätzung, die das Zentrum inzwischen genießt. Wir schaffen es noch nicht, kostendeckend zu arbeiten. Aber die EKD trägt weiter die personenbezogenen Kosten für den beauftragten Pfarrer und zusätzlich in den kommenden Jahren einen Teil der Kosten für eine thailändische Betriebsleitung. Somit besteht Grund zu vorsichtigem Optimismus, dass sich das BZ auch finanziell immer solider aufstellen wird.

Was sind die Besonderheiten der Gemeindearbeit in Pattaya?

Annegret Helmer: Zum einen eine steigende Zahl von Residenten, die gerne ihre Zeit im Begegnungszentrum verbringen und dieses wegen seiner Atmosphäre und seinem Programmangebot schätzen. Es gelingt immer besser, manche auch zum aktiven Mitgestalten zu motivieren. Daneben aber auch eine steigende Anzahl an sozial-diakonischen Hilfsfällen, bei denen es manchmal zeitlich und finanziell dramatisch eng ist, wenn eine Rückführung nach Deutschland der einzige Ausweg scheint. Diese Hilfsfälle sind oft zeitlich sehr beanspruchend. Erfreulicherweise hat sich inzwischen eine hervorragende Zusammenarbeit mit dem Deutschen Hilfsverein entwickelt.

Wo werden Sie in Deutschland tätig sein?

Annegret Helmer/ Ulrich Holste-Helmer: Das steht noch nicht fest, aber es wird irgendwo im nördlichen Rheinland sein. Wir werden uns allerdings nicht mehr eine Stelle teilen, sondern suchen zwei getrennte, aber möglichst räumlich benachbarte Wirkungsfelder.

Werden Sie Thailand noch einmal besuchen?

Annegret Helmer: Ganz sicher!

Ulrich Holste-Helmer: Fragen Sie mich das in ein paar Jahren noch einmal. Es ist für mich wie nach einem reichhaltigen und guten Essen – danach brauche ich erstmal etwas Zeit zum „Sacken-Lassen“.

Ihre Worte an die FARANG-Leserschaft und ihre Gemeindemitglieder:

Ulrich Holste-Helmer: Nach sechs Jahren haben wir ein Gefühl dafür gewonnen, wie es sich anfühlt, als Ausländer in einem fremden Land zu leben. Diese Erfahrung, „fern der Heimat“, und Gast zu sein, dessen Aufenthalt vom Wohlwollen anderer abhängt, die nehmen wir mit nach Deutschland. Und sie wird sicher auch unseren Blick auf die Flüchtlinge und Migranten verändern, die – ob nun freiwillig oder unfreiwillig – nach Deutschland gekommen sind.

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