Kitsch

„Der Junge mit der Mundharmonika“, „Der kleine Prinz“ oder „Mit 17 fängt das Leben erst an“ – all diese alten Kitschschlager spuken immer noch in meinem Kopf herum, und ich gebe gerne zu: sie gefallen mir immer noch. Wahrscheinlich hängt es damit zusammen, dass wir damals nichts hatten, nicht einmal Hoffnung und uns deshalb in diese Träume flüchteten. Es bewirkte gute Gefühle in all dieser Hoffnungslosigkeit.

Genau darauf beruht auch der Erfolg der „Seifenopern“. Es ist der Traum, vielleicht irgendwann auch zu dieser glitzernden Scheinwelt zu gehören. In bestimmten Regenbogen-Heften, die sich auf das Leben des Adels und der Reichen spezialisiert haben, lesen wir vom Prunk und all der Herrlichkeit in dieser großen Welt. Träume – und wir wären ja nur zu gerne dabei, träumen uns die Prinzessin oder den Prinzen herbei, die nie kommen werden. Stattdessen geben wir uns mit der oder dem Erstbesten zufrieden, die uns gerade über den Weg gelaufen sind. Und dabei geht die Romantik langsam baden.

Manchmal trösten uns Nachrichten, wie beispielsweise: Der weltberühmte Banker steht vor Gericht, weil er das Zimmermädchen vergewaltigt hat, der international bekannte Playboy hat sich erschossen, und große Stars werden von heute auf morgen wieder auf die Erde zurück geholt, wegen Betrug, Totschlag oder Pädophilie. Vielleicht ist diese Glamourwelt doch nicht immer so glamourös wie sie vielen erschienen ist. Der Volksmund sagt: „Träume sind Schäume“. Gut, wenn das in die Realität zurückführt. Denn hier werden Seifenopern nur im Fernsehen oder in Theatern angeboten. Das bedeutet aber noch lange nicht, dass die Träume sich für alle Zeit verflüchtigen, dass die Hoffnung auf ein besseres Leben verflogen ist. Zum Glück, sage ich, denn sie sind die Antriebsfedern, ohne die es keinen Erfolg gibt. Aber nicht jeder erreicht die Erfolgsleiter, und noch weniger schaffen es, auf ihren Sprossen bis ganz nach oben zu klettern. Und dann? Dann muss man sich mit dem Aufsichtsrat herumschlagen, und ganz hinten im Hirn singt immer noch „der Junge mit der Mundharmonika“. Das kann nicht gut gehen. Jetzt wird im Hirn gründlich aufgeräumt, für den Banker heißt das, es wird radikal gemäht oder feiner ausgedrückt, der eine oder andere wird freigestellt. Natürlich nicht der Boss. Der sitzt die Krise in aller Ruhe aus oder wird mit Millionen abgefunden. So war es für diese Herrschaften doch immer: Das Leben ist für sie ein Pokerspiel. Man sieht es ihnen an, wenn man genau hinschaut. Sie sind im Grunde auch nur Kitschfiguren, die sich mit Tricks, mit Griffen und Kniffen nach oben durchgemogelt haben. Wenn die Karriere vorbei ist, sehen sie genauso aus wie der Gärtner von nebenan oder die Tussi am Bratwurstimbiss. Meinerseits kein Mitleid. Vielleicht haben diese Herrschaften in der kurzen Zeit ihrer Macht mehr Geld an die Seite gelegt, mehr Glück und Freude erlebt, als ich je erwarten darf. Ich kenne keinen Neid, weil ich genug zum Leben habe, aber wenn sogenannte „Großkopferte“ überführt werden als korrupte Großbetrüger, dann kann ich ein klammheimliches Gefühl der Freude nicht verhehlen.

Das gilt auch für Thailand, wo es in letzter Zeit etliche Verfahren gegen Politiker, hohe Militärs und korrupte Polizis­ten gab. Klar, ein Militärregime ist für Demokraten nicht die erstrebenswerteste Staatsform, aber immerhin wurden einige Schritte in die richtige Richtung eingeleitet. Mal schauen, wie es weiter geht. Ich bin neugierig, habe noch gewisse Hoffnungen und Träume. Das hat natürlich auch damit zu tun, dass ich im Ruhestand lebe und mich keinem Ehrgeiz mehr verpflichtet fühle.

Aber was ist mit denen, die jetzt das Sagen haben? Wovon träumen sie? Vielleicht von „Marmor, Stein und Eisen bricht, aber unsere Herrschaft nicht?“ Kitsch!!!

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