Im Physiker-Paradies: Der Mikrokosmos Cern

Foto: epa/Adam Warzawa
Foto: epa/Adam Warzawa

GENF (dpa) - Immer wieder den Urknall simulieren: Das Europäische Forschungszentrum Cern ist so etwa wie das Disneyland für Teilchenphysiker. Seit mehr als 60 Jahren forschen Wissenschaftler aus aller Welt in dem hochmodernen Riesenlabor westlich von Genf. Mit Hilfe des größten und leistungsstärksten Teilchenbeschleunigers des Planeten versprechen sie sich Antworten auf fundamentale Fragen, wie zum Beispiel: Woraus besteht das Universum? Mit komplexen Formeln und noch komplexeren Experimenten sind mehr als 11.000 Wissenschaftler aus aller Welt den Rätseln auf der Spur.

Das multinationale Weltlabor steht aber nicht nur beispielhaft für exzellente Forschung, sondern auch für friedliche Kooperation. «Hier arbeiten Wissenschaftler aus den unterschiedlichsten Ländern und Kulturen eng zusammen», sagt Generaldirektorin Fabiola Gianotti, die Anfang 2016 die Leitung der Einrichtung übernommen hat. Über Nationalitäten hinweg ziehe man als Team an einem Strang, erklärt die Italienerin. Und zwar mit jeder Menge Hingabe und Enthusiasmus.

«Das Teamwork hier ist motivierend und die Internationalität beeindruckend», sagt auch Teilchenphysikerin Susanne Kühn. Die 36-Jährige kommt von der Uni Freiburg und forscht schon seit Jahren an der Einrichtung. Derzeit arbeitet sie am Atlas-Experiment mit, am größten Detektor des Cern.

Dabei werden mit Hilfe des Teilchenbeschleunigers Large Hadron Collider (LHC) Protonen fast auf Lichtgeschwindigkeit beschleunigt und in einer 27 Kilometer langen unterirdischen Ringbahn aufeinander gejagt. Dort stehen vier Teilchendetektoren, einer davon Atlas. Sie zeichnen auf, was bei den 40 Millionen Kollisionen pro Sekunde passiert.

Die energiegeladenen Teilchentrümmer zerfallen in neue Teilchen und hinterlassen Spuren in den Detektoren entlang des Rings. Kühn tut dann das Gleiche wie Hunderte ihrer Kollegen: Sie versucht, aus den Unmengen von Daten herauszulesen, was genau beim Teilchencrash passiert ist.

2012 wurde so das Higgs-Teilchen entdeckt, das allem seine Masse verleiht - der noch fehlende Baustein im Standardmodell der Materie. «Man kann ein genialer Physiker sein, doch allein in einer Kammer bringt einem das nichts», fasst Kühn zusammen. Cern sei Teamwork.

Zwischen dem Genfer See und dem französischen Jura pulsiert aber nicht nur eines der berühmtesten Forschungszentren der Welt; über die Jahre hat sich das Cern quasi zu einer Kleinstadt entwickelt - samt Feuerwehr und so etwas wie einem kleinen Krankenhaus für medizinische Notfälle. Restaurants, Hotels und Shops sind dort ebenso zu finden wie eine Bank und eine Postfiliale. Zudem gibt es eine Cern-Kita für den Physiker-Nachwuchs. Amtssprachen auf dem Campus sind Französisch und Englisch.

Die Straßen zu den mehr als 600 Gebäuden sind nach weltberühmten Wissenschaftlern wie Albert Einstein oder Marie Curie benannt. In den vielen Häusern mit ihren scheinbar endlosen Gängen fühlt man sich wie in einer Fernsehserie aus den 1970er Jahren, in den großen Experimentierhallen mit der vielen Technik dagegen wie in einem Science-Fiction-Film.

Weil die Mitarbeiter am Cern nicht nur die Leidenschaft für die Wissenschaft teilen, gibt es viele Freizeit-Clubs auf dem Gelände: vom Foto- über den Jazz- bis zum Tanz-Club. Sie werden von Freizeit-Chefin Rachel Bray koordiniert. Die Britin verteilt unter anderem die Club-Räume auf dem Areal und organisiert Freizeitevents. «Die Clubs haben schon mehr als 6.000 Mitglieder, das beliebteste Angebot ist der Ski-Club», berichtet sie.

Auch beliebt: der Cern-Fitness-Club. Doch wer sich einen hochmodernen Raum mit fortschrittlichen Geräten für die Wissenschaftselite vorstellt, liegt weit daneben. Die «Pump-Hall», in der ein paar alte Fitnessgeräte aufgebaut sind, war einst tatsächlich eine Wasser-Pump-Station. Ihr früheres Leben sieht man der Halle zwar nicht mehr an, doch die Räume sind in die Jahre gekommen.

Auch der Nuklearphysiker Andree Welker von der Technischen Universität Dresden ist Mitglied des Cern-Fitness-Clubs. «Das ist sehr praktisch, so bleiben selbst Physiker stets dynamisch», sagt der Doktorand, der am sogenannten Isolde-Experiment beteiligt ist und mit Hilfe von radioaktiven Isotopen die Masse von Elementen bestimmt.

Der 30-Jährige trägt ein Messgerät um den Hals, dass die Strahlenbelastung auf seinen Körper kontrolliert. Darauf steht «Nicht kontaminiert» - einer der schönsten Befunde, die man sich als Nuklearphysiker nach einem langen Arbeitstag vorstellen kann.

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