Gaucks Vermächtnis: Zutrauen statt Angst, Zupacken statt Wegducken

Foto: epa/Franck Robichon
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KYOTO (dpa) - Der Abschied hat begonnen und Joachim Gauck tut alles, keine schlechte Stimmung aufkommen zu lassen. Im Gegenteil: Der Besuch in Japan bietet ihm noch einmal Gelegenheit, sein großes Thema vorzutragen.

Es war noch einmal ein Termin ganz nach seinem Geschmack. An der Universität von Kyoto, einer der wichtigsten Japans, traf der Bundespräsident eine Gruppe Studenten und Doktoranden, alle der deutschen Sprache mächtig. Eigentlich wollte Joachim Gauck vor allem den jungen Leuten zuhören, am Ende redet natürlich auch er, ziemlich viel, ziemlich gut gelaunt.

Es ist seine letzte größere Auslandsreise als Bundespräsident. Wehmut verspüre er nicht, sagt er, noch nicht.

Gauck hat in Japan Kaiser Akihito getroffen, den Ministerpräsidenten Shinzo Abe, Bürgermeister und Gouverneure. Aber: «Mich interessieren immer auch die Menschen, die regiert werden», sagt er und will damit demonstrieren, dass er eben nicht nur mit gekrönten Häuptern, Staats- und Regierungschefs spricht auf seinen Auslandsreisen, sondern auch etwas vom wirklichen Leben mitbekommen will.

«Demokratie muss ein lernfähiges System sein», erklärt er den jungen Leuten, und einges mehr: China habe eine «frühkapitalistische Wirtschaft», zuhause wolle er einen «deutschen islamischen Religionsunterricht». Und so weiter. Wenn die Fragen zu konkret werden, etwa zur deutschen Politik nach dem Wahlsieg Donald Trumps in den USA, wiederholt er, was er oft gesagt hat in den fast fünf Jahren: «In die operative Politik mische ich mich nicht ein.»

Mehr als 50 Länder hat Gauck in seiner Amtszeit bisher besucht, demonstrativ begann es mit einem Antrittsbesuch in Polen. Früher Höhepunkt war die Einladung der niederländischen Königin Beatrix zum Tag der Befreiung nach Breda. Es folgten Israel und Frankreich, Italien und Dänemark, Kolumbien und Brasilien, Indien und Myanmar und dann 2014 das große Jahr des Gedenkens an den Ausbruch des Ersten Weltkriegs.

Mit der Rede im Januar 2014 vor der Münchener Sicherheitskonferenz hat Gauck sein großes Thema gefunden, das ihn auch auf vielen Auslandsreisen nicht loslässt. Deutschland darf sich nicht mehr wegducken, muss Verantwortung übernehmen, im Notfall auch militärisch. Damals wäre die Idee eines US-Präsidenten Donald Trump noch als niveauloser Scherz abgetan worden.

Jetzt treibt das Ergebnis der US-Wahlen Gauck an, sein Plädoyer zu untermauern. Deutschland und Japan müssten mehr für ihre Verteidigung tun, sagt er, wohl wissend, dass er damit in Japan eine heikle Debatte befeuert. Während Kaiser und Kronprinz nach dem schuldbeladenen Zweiten Weltkrieg das Prinzip des Pazifismus hochhalten, will der stramm konservative Premier Abe das militärische Engagement Japans erweitern.

Aber bei aller Bewunderung für Kaiser Akihito: Pazifismus ist aus Gaucks Sicht keine Option. Es könne sogar unethisch sein, sich aus Konflikten herauszuhalten.

Auch ein anderes zentrales Thema seiner Amtszeit begegnet Gauck in Japan. Immer wieder hat er versucht, Zutrauen statt Verunsicherung zu predigen, aber der Aufstieg der rechten Populisten auch in Deutschland wird selbst im Fernen Osten mit Beunruhigung registriert.

«In diesem Tagen erkenne ich manchmal mein Deutschland nicht wieder», sagt der japanische Germanist und Politikwissenschaftler Takeshi Kawasaki, als ihm Gauck einen Preis verleiht. Er verweist auf Stimmungen, Ängste und Vorurteile gegen alles Fremde.

Diese Sorge ist Gauck nicht unbekannt, aber man muss ihm unterstellen, dass er sein Deutschland - trotz AfD und Pegida, trotz rechter Anschläge auf Flüchtlingsheime und ausländerfeindlicher Hetze im Netz - durchaus noch erkennt. Als er im Juni seinen Verzicht auf eine zweite Amtszeit erklärte, geschah das auch in der Gewissheit, dass Deutschland trotz Flüchtlinkskrise und AfD-Erfolgen nicht in einer schweren Krise steckt. «Das Staatsschiff ist nicht im Orkan, aber es gibt Wellen», sagte er damals.

Noch bleiben auf den Tag genau vier Monate, den Deutschen Mut zuzusprechen, und den Verunsicherern entgegenzutreten. Dass aller Voraussicht nach Außenminister Frank-Walter Steinmeier sein Nachfolger wird, lässt Gauck offensichtlich entspannt auf sich zukommen. «Mit einem Lächeln im Gesicht.»

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Leserkommentare

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Jürgen Franke 18.11.16 22:32
Guten Abend Herr Kerp, es ist völlg richtig
was Sie schildern. Seinerzeit ging es in erster Linie darum, nur nicht die Bezeichnung Friedensvertrag zu benutzen, da Kohl Reparationszahlungen befürchtete. Grundsätzlich machen die Amis in Deutschland sowieso was sie wollen. Da bekanntlich auch Telefonate weiter abgehört werden. Aber auch der Flughafen Ramstein, wo die Drohnen stationiert sind, die für die Angriffe in Syrien eingesetzt werden, wird weiterhin von den Amis benutzt Souveränität sieht eigentlich anders aus, denn von deutschem Boden sollte nie mehr ein Krieg ausgehen.
Peter Jürg Ern 18.11.16 18:39
Gaucks Vermächtnis:
Zutrauen statt Angst, Zupacken statt Wegducken, und jetzt Herr J.F. "meckern" Sie an Ihrem Bundespräsident herum (besser als über die Thailänder/innen). «In diesem Tagen erkenne ich manchmal mein Deutschland nicht wieder», sagt der japanische Germanist und Politikw. Takeshi Kawasaki, als ihm Gauck einen Preis verleiht. Er verweist auf Stimmungen, Ängste und Vorurteile gegen alles Fremde. Sie, Herr J.F. sind der Beweis, dass Mr. T. Kawasaki die Deutschen offensichtlich "mentalitätsmässig" richtig einschätzt. Man darf doch davon ausgehen, dass Herr Gauck ein anständiger und würdiger Präsident der BRD ist/war. Herr J.F. glauben Sie wirklich, dass Herr Gauck einfach Verträge aufsetzen und dann unterschreiben kann? Ich gehe davon aus, dass für solche Angelegenheiten auch in der BRD der Bundestag zuständig ist, und der Präsident noch formell unterschreibt. Vertrag über die abschließende Regelung in Bezug auf Deutschland vom 12.9.1990 (BGBl. II 1318), dem mit Vertragsgesetz vom 11.10.1990 (BGBl. II 1317) zugestimmt wurde, abgeschlossen zwischen der Bundesrepublik Deutschland, der DDR, Frankreich, der damaligen Sowjetunion, Großbritannien und den USA. Der Zwei-plus-Vier-Vertrag bildete die außenpolitische Grundlage der Herstellung der Einheit Deutschlands. Nach seinem Inkrafttreten am 15.1.1991, hat das vereinte Deutschland die volle Souveränität über seine inneren und äußeren Angelegenheiten (Art. 7 II). Herr J.F., dieser Vertrag ist perfekt, sonst schreiben Sie doch einen Neuen!
Ingo Kerp 18.11.16 13:06
@ Jürgen Franke
Der Anfangssatz Ihres Kommentares, Herr Franke, trifft den Punkt. Allerdings, um einen Friedensvertrag abschließen zu können, müßte als erstes die "Feindstaatenklausel" die auf Deutschland liegt getilgt werden. Das hatte zwar die UN Mitte der 90iger Jahre zugesagt bei nächsten Gelegenheit zu tun, passiert ist aber immer noch nichts. So klammert sich alles an die 2+4 Regelung und proklamiert damit einen souveränen Staat, der keinen Friedensvertrag mehr benötigt. Weder von Gauck noch von einem anderen deutschen Politiker, habe ich jemals gehört, das er/sie sich für die Tilgung der Feindstaatenklausel einsetzen würde. Die deutsche Souveränitat endet somit weiterhin an jedem Widerspruch durch Alliierte.
Jack Norbert Kurt Leupi 18.11.16 12:55
Auch ein Gauk... /Herr J.Franke
der hochwürdige , ehrenwerte ,heilbringende Montagsprediger und Friedensbringer, hat manchmal die Political Correctnes verpasst ! Aber hinter der politischen Korrektheit verbirgt sich nicht selten ein autoritärer Kern ! " Wer meinem Weg nicht folgt, ist es nicht wert, zu mir zu gehören ; Amen !
Jürgen Franke 17.11.16 22:12
Auch ein Gauck sieht die Welt, wie er sie gerne
sehen will. In seiner Amtszeit ist es ihm nicht gelungen, sich dafür einzusetzen, endlich einen Friedensvertrag abzuschließen. Deutschland lebt immer noch mit dem 2 plus 4 Vertrag. Auf der Sicherheitskonferenz 2014 hat er lediglich das weitergegeben, was die Amis ihm ins Manuskript geschrieben haben: Nämlich mehr Verantwortung, auf deutsch: mehr Bundeswehr, im Ausland, zu übernehmen, um die Hinterlassenschaften der Amis zu beseitigen, die unter billigen Lügen, Länder erst überfallen und dann, unter dem Vorwand demokratische Verhältnisse einführen zu wollen, ausgeplündert wurden. Ramstein ist ein weiterer Beweis dafür, dass die Amis nach wie vor in Deutschland mit regieren. Von hier aus werden die Drohnen weltweit dirigiert.