Die Brüder Suriyakhat und Djanthakhat

In der Zeit der schweren Not war Suriyakhat zwölf Jahre alt und Djanthakhat fünf. Wie alle anderen Menschen litten auch sie. Während in der Stadt viele Bewohner Hungers starben, während Räuber die Bürger der Stadt erschlugen, während Geister die Menschen bedrängten und Fieber und Seuchen sie überfielen, besassen die armen Eltern der Knaben nicht genügend Kräfte, um jeden Tag in den Wald zu gehen. Mit Zehrwurzeln und wilden Früchten ernährten sie ihre Kinder. Aber als die Dürre kein Ende nehmen wollte, wurde es von Tag zu Tag schwerer, im Walde etwas Essbares zu finden. Manchmal brachten sie etwas mit, oft aber fanden sie auch nichts, was sie den Knaben hätten geben können. Und ihr eigener Hunger war so gross, dass sie gelegentlich die Kleinigkeit, die sie gefunden, selbst verzehren wollten. Dann traten sie mit leeren Händen vor ihre Kinder. Im Walde hatten sie beschlossen, die Knaben am Abend erst einschlafen zu lassen und dann heimlich ihre wenigen mageren Zehrwurzeln für sich selbst zuzubereiten.

Als Suriyakhat und Djanthakhat eingeschlafen waren, fingen die beiden Alten an, mit dem Küchengerät zu hantieren, um sich ihr karges Mahl zu bereiten. Die Kinder erwachten jedoch oft genug von dem Geklapper, standen auf, und die Eltern mussten mit ihnen teilen.

Gelegentlich gelang es Vater und Mutter, die Küchenarbeit so leise zu verrichten, dass die Söhne nichts davon bemerkten und erst erwachten, als die Schüssel bereits leer war. Sie traten dann heran und bettelten um ein paar Bissen. Aber die Mutter sprach: "Oh weh, ihr Kleinen, das Essen hat nicht gereicht!"

Da weinten die Knaben. Die Mutter aber begann zu schelten und rief: "Pfui, ihr Räuberbälger! Mitten in der Nacht erhebt ihr solch ein Geschrei! Unsere Nachbarn schlafen längst, ihr aber wollt sie wecken, dass sie uns zürnen! Suriyakhat, du bist der Ältere, warum tröstest du nicht deinen Bruder?"

Suriyakhat gehorchte der Mutter und besänftigte den Kummer seines jüngeren Bruders. Er redete auf ihn ein, und als er nicht hören wollte, sprach er: "Bruder, weine nicht! Morgen früh werde ich dich an der Hand von Haus zu Haus führen, und wir werden uns ein paar Früchte erbetteln."

Djanthakhat blickte ungläubig zu seinem Bruder auf und fragte: "Meinst du denn, die fremden Leute werden noch irgendein essbares Blättchen oder ein paar Beeren für uns haben?"

"Ja, gewiss! Früchte aller Art werden sie uns geben, sei nur ruhig!" So sprachen die Knaben mit einander, und die Zeit verging. Allmählich bezog die Morgenröte den Himmel. Ein neuer Tag war da. Die Eltern brachen auf und gingen in den Wald, Essbares zu suchen. Die beiden Kinder liessen sie im Hause zurück. Da nahm Suriyakhat seinen Bruder an der Hand und führte ihn ins Nachbardorf. Dort suchten sie sich eines der Häuser aus und liessen sich vor der Tür nieder. Der Hausherr und seine Söhne hatten gerade gespeist, und als sie aus dem Fenster blickten, sahen sie die beiden Bettelknaben vor ihrer Tür. Der Vater hatte Mitleid mit ihnen und gab ihnen, was übrig war von seinem Mahle. Die Kinder assen alles auf und gesellten sich dann zu den anderen Knaben im Dorf. Als es Abend wurde, hockten sie sich bei einem anderen Haus nieder und warteten, bis die Hausfrau oder die Köchinnen ihnen ein paar Bissen zuwarfen. Seither lebten die beiden Knaben bei fremden Leuten und fristeten ihr Leben als Bettler.

Eines Tages spielte Suriyakhat mit seinem Bruder und den anderen Knaben im Wasser. Dabei fingen sie vier Krabben. Mit dieser Beute kehrten sie nach Hause zurück. Die Eltern waren noch nicht wieder da, und so briet Suriyakhat eine der Krabben und gab sie seinem Bruder zu essen. Dann röstete er noch eine, um sie selber zu verzehren. Djanthakhat klagte jedoch so herzerweichend über seinen Hunger, dass Suriyakhat sich schliesslich von seiner eigenen Krabbe trennte und sie dem Bruder zu essen gab. Aber Djanthakhat war noch immer hungrig und flehte den älteren Bruder an, ihm noch eine einzige Krabbe zu braten. Suriyakhat jedoch sprach: "Diese beiden Krabben hier habe ich nicht für dich, sondern für unsere Eltern gesammelt! Du hast allein schon zwei verspeist! Nun gibt es nichts mehr!"Aber der Kleine bat und bettelte weiter, und schliesslich gab Suriyakhat ihm auch die dritte – denn er besass ein weiches Herz – und die vierte gar, so gerührt war er von seines jüngeren Bruders Tränen.

übersetzt von Dr. Christian Velder
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