Deutsche Bank will weniger Leiden schaffen

Foto: epa/Armando Babani
Foto: epa/Armando Babani

FRANKFURT/MAIN (dpa) - Zinsmanipulationen, dubiose Hypothekendeals, Geldwäsche-Vorwürfe - die Deutsche Bank war überall dabei. Das Management will einen Schlussstrich ziehen. Die gebeutelten Aktionäre hören das gerne - nur glauben können sie es noch nicht wirklich.

Die Deutsche Bank erfindet sich neu - mal wieder in ihrer fast 150-jährigen Geschichte. So groß wie dieses Mal war der Umbruch aber vielleicht nie. Die Bank habe eine Art «Elektroschock» gebraucht, sagt die ehemalige Bankenaufseherin Sylvie Matherat, die bei Deutschlands größtem Geldhaus für regulatorische Fragen zuständig ist. Zusammen mit Vorstandskollegen äußert sie sich ausführlich in einer ZDF-Reportage, ausgestrahlt am Tag vor der Hauptversammlung des Dax-Konzerns. Neue Transparenz bei der Deutschen Bank?

Vor den Aktionären in Frankfurt bekräftigt Konzernchef John Cryan am Donnerstag: «Die Deutsche Bank wird wieder für Integrität und Glaubwürdigkeit stehen. Dieses Ziel ist für mich nicht verhandelbar.» Die 3.600 Aktionäre applaudieren erleichtert. Von einem «Wendepunkt» spricht Aufsichtsratschef Paul Achleitner. Vorstand und Aufsichtsrat verbreiten Zuversicht, dass das Schlimmste endlich überstanden ist.

Tatsächlich? Mit 8.000 Rechtsstreitigkeiten schlägt die Bank sich nach eigenen Angaben aktuell herum. Rechtsvorstand Karl von Rohr spricht von 15 Hochrisiko-Fällen, mit denen er sich im Grunde täglich beschäftige. Einer davon: Manipulierten Händler der Bank die Kurse im billionenschweren Markt für Staatsanleihen? Die Bank hat weiterhin Milliarden für mögliche juristische Niederlagen reserviert.

Als Erfolg verbucht es das runderneuerte Führungsteam, dass Aufseher die von Cryan seit Sommer 2015 forcierten Aufräumarbeiten goutieren. Das Institut habe angefangen, konsequent seine Baustellen zu bereinigen und «ist dabei ein gutes Stück vorangekommen», konstatierte kürzlich der oberste Bankenaufseher der Bafin, Raimund Röseler: «Wir betrachten das mit Wohlwollen.»

Kann Cryan das schaffen, woran seine Vorgänger - der Investmentbanker Anshu Jain und der langjährige Deutschland-Chef Jürgen Fitschen - scheiterten? Einen wirklichen «Kulturwandel» im Weltkonzern Deutsche Bank mit seinen 100.000 Mitarbeitern? Und dabei zugleich die Bank in einem ohnehin schwierigen Umfeld - Minizinsen, Regulierungslasten, Digitalisierungskosten - profitabler machen?

Die Geduld der Anteilseigner ist schon lange am Ende. «Wenn wir uns nicht langsam mal wieder auf das Geldverdienen konzentrieren, wird das nichts mehr mit unserem Aktienkurs, mit unserer Dividende und vor allem mit motivierten Mitarbeitern und sicheren Arbeitsplätzen», moniert Aktionärsvertreter Klaus Nieding von der DSW. «Irgendwann müssen wir die Vergangenheitsbewältigung auch mal wieder verlassen und uns (...) unserem eigentlichen Geschäftszweck, dem Bankgeschäft, voll widmen, das ist ja schon für sich genommen schwierig genug.»

Ingo Speich von der Fondsgesellschaft Union Investment beklagt eine «verlorene Dekade» für die Aktionäre. «Nur mit einem halben Dutzend Kapitalerhöhungen im Gesamtvolumen von über 30 Milliarden Euro gelang es, die Löcher in der Bilanz zu stopfen.» Der Aktienkurs sei ein Desaster. «Zwischen Anspruch und Wirklichkeit klafft bei der Deutschen Bank eine riesige Lücke.» Immerhin versuche Cryan pragmatisch aus den «Hinterlassenschaften» seiner Vorgänger das Beste zu machen, lobt Speich. Doch reicht das?

Zumindest scheint Deutschlands größtes Geldhaus für Investoren wieder attraktiver zu werden. Dass der chinesische Mischkonzern HNA mit fast zehn Prozent binnen weniger Wochen zum größten Aktionär der Bank aufstieg, gilt als positives Signal.

Doch auch die Chinesen lassen keinen Zweifel, dass sie die Bank noch nicht am Ziel sehen: Es bleibe noch einiges zu tun, sagt der Vermögensverwalter Alexander Schütz, der HNA im Aufsichtsrat der Deutschen Bank vertreten soll. Die Deutsche Bank müsse wieder die Bank werden, «die wir aus der weiteren Vergangenheit kennen».

Die Herrscherfamilie von Katar als zweitgrößter Aktionär lässt über ihren Aufsichtsratsvertreter Stefan Simon ausrichten: Das neue Management-Team habe schon viel erreicht. «Gleichwohl ist klar, dass noch einiges an Wegstrecke zu meistern ist», sagt Simon.

Endlich wieder nach vorne schauen - diesen Wunsch teilen Aktionäre und Akteure bei der Deutschen Bank. «Die Deutsche Bank und Deutschland, das war nicht immer eine einfache Beziehung, gerade in den vergangenen zwei Jahrzehnten nicht», stellt Cryan nüchtern fest. Das Bild soll wieder positiver werden - nach außen wie nach innen. Teil der Imagekampagne: Der langjährige Werbespruch «Leistung aus Leidenschaft» - gerne verballhornt zu «Leistung, die Leiden schafft» - weicht einem Hashtag: #PositiveImpact, zu Deutsch:

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