Der Bekehrungsversuch

"Hallo, Callolo", sagte meine Herzallerliebste, als ich vom Einkauf heimkam, "darf ich dir Frau Drögemöller vorstellen?"

"Sehr erfreut", antwortete ich automatisch, denn ich sah nur einen riesigen Busen und darüber ein Gesicht, das auch schon seit mehr als sechzig Jahren Wind- und Wetternachrichten ausgesetzt gewesen war.

"Ich bin ja so froh, Herr Carolus, Sie zu treffen", gurrte Frau Drögemöller und kam mir dabei so nah, dass ich unwillkürlich zurückwich. "Sie sind genau der Mann, der zu uns passt", fügte sie schnell hinzu, "offen, sympathisch, dem Leben zugewandt und gleichzeitig den wahren Werten verpflichtet."

"Da haben Sie mich aber schnell durchschaut", entgegnete ich. "Sie sind eine große Menschenkennerin, vermute ich."

"Wissen Sie, Herr Carolus, eigentlich ist es ganz einfach: Wer im Lichte des Herrn lebt, der sieht mit den Augen des Herrn."

Meine Herzallerliebste mischte sich ein: "Frau Drögemöller ist vom Bibelkreis der universellen Paulaner und möchte uns gerne zu ihren allwöchentlichen Treffen einladen."

Ich bat meine Herzallerliebs­te um ein Bier, da ich sah, dass die Damen Kaffee tranken. Der Blick von Frau Drögemöller wäre möglicherweise tödlich gewesen, wenn ich ihm nicht rechtzeitig ausgewichen wäre, um Nai hinterherzurufen, sie solle das Bier aus der unteren Schublade nehmen, weil die anderen Flaschen noch nicht kalt waren. Ich genoss den ersten Schluck und ignorierte den Vorwurf, in den Frau Drögemöller sich verwandelt hatte.

"Zum Wohle", sagte ich und strahlte sie mit einem fröhlichen Lächeln an. "Wie Sie schon so richtig erkannt haben, bin ich dem Leben zugewandt."

"Ich dachte dabei weniger an Alkohol, als an die positiven Werte des Lebens", erwiderte sie schmallippig. "In unserem Bibelkreis singen und beten wir und helfen uns gegenseitig, alte Fehler und Unarten abzulegen."

"Zum Beispiel das Biertrinken."

Sie nickte: "Irgendwann wollen Sie gar kein Bier mehr trinken, finden es widerwärtig wie rauchen und all die anderen Sünden, die hier begangen werden."

Langsam stieg in mir Wut auf gegen diese moralinsaure Zitrone.

"Wissen Sie", sagte ich, "ich will in gar keinen Himmel, wo es kein Bier gibt."

Frau Drögemöller sah mich mit einem Ausdruck größter Enttäuschung an: "Ihre Frau hat so positiv über sie gesprochen."

"Da hat sie ja auch recht", erwiderte ich, "ich bin sogar universell positiv eingestellt: Ich habe mir von allen Religionen das ausgesucht, was zu mir passt. Und wissen Sie, was das ist?"

Sie schaute mich an wie den Leibhaftigen.

Ich fuhr fort: "Alles, was das Leben lebenswert macht, zum Beispiel ein Paulaner Bier. Zum Wohle!"

Frau Drögemöller erhob sich. Ihr resignierter Blick schweifte über meine Herzallerliebste und über mich wie eine letzte Verzeihung: "Möge die Gnade des Herrn über Sie kommen", sagte sie und ging.

"Was fällt diesen Leuten ein, uns mit ihren Lebenseinstellungen zu belästigen?", fragte ich Nai. "Sie nennen sich christlich, und alles, was ihnen nicht passt, ist teuflisch. Von Toleranz keine Spur. Typisch für junge Bettschwestern, aus denen alte Betschwestern geworden sind."

Meine Herzallerliebste nahm mich in den Arm und sagte: "Callolo, mach dir um solche Leute keine Gedanken. Du hast auf dieser Welt schon so viel Tam Boon angesammelt, dass du auch im nächsten Leben genau das Bier bekommst, das du haben möchtest."

Meine Nai ist eben, wie soll ich das sagen, eine universelle Buddhistin und hat deswegen damit überhaupt kein Problem.

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