Das Fest der Geister

"Callolo!"

"Hm?"

"Callolo!"

"Was ist denn?"

"Callolo, hörst du denn nichts?"

"Was soll ich denn hören? Lass mich doch schlafen."

Aber meine Herzallerliebste gibt keine Ruhe.

"Hör doch mal, Callolo, da oben tanzen die Geister."

"Ich will schlafen, Schatz."

"Aber über uns findet ein Geistertreffen statt. Hörst du das denn nicht?"

Irgendwann war es dann um meinen Schlaf geschehen.

Ja, ich hörte Geräusche. "Das sind Ratten, Schatz, beruhige dich doch."

Meine Herzallerliebste stieg aus dem Bett und zog den Fenstervorhang auf.

"Was siehst du, Callolo?"

"Ich sehe den Vollmond."

"Genau. Und was passiert in der Vollmondnacht?"

"Dann schlafe ich meistens nicht gut."

"Nein, Callolo, die Vollmondnacht ist die Nacht Buddhas."

"Woher soll ich das wissen?"

"Das ist die Nacht, in der die Geister sich treffen."

"Und ausgerechnet heute bei uns?"

"Bitte, Callolo, auch wenn du nichts davon verstehst, so nimm doch bitte zur Kenntnis, dass, wenn diese dem Buddha ergebenen Geister unser Haus auserwählt haben, wir uns sehr glücklich schätzen dürfen."

"Und unsere verstorbene Oma ist auch dabei?"

"Natürlich, Callolo, schließlich hat sie unser Geisterhäuschen als Wohnsitz für sich erwählt."

"Bist du dir da ganz sicher, Schatz?"

"Zu hundert Prozent. Erinnerst du dich nicht mehr an den verschwundenen Ring, den sie zurückgebracht hat. Weißt du nicht mehr, wie sie gesagt hat, sie wird immer bei uns sein?"

"Ja, was machen wir jetzt?"

"Ich bitte dich, Callolo, stell eine Flasche Whisky ins Geisterhäuschen, aber nicht den billigen."

Um endlich meine Ruhe zu haben, öffnete ich die nächste Flasche Whisky, die mir in die Hand fiel, nahm einen kräftigen Schluck daraus und stellte sie ins Saan phra phuum. Dann legte ich mich wieder hin und schlief zum Glück sofort wieder ein.

Meine Herzallerliebste hingegen fand in dieser Nacht keinen Schlaf mehr. Auf ihre Weise beteiligte sie sich am Fest der Geister mit Gebeten, Wünschen und all den Zauberformeln, die man ihr als Kind beigebracht hatte.

Am anderen Morgen rief ich gleich einen befreundeten Handwerker an und bat ihn, nach dem Dach zu sehen. Er legte ein paar Rattenfallen aus und erneuerte einige zerbrochene Ziegel.

Dann kam meine Herzallerliebste vom Frühstückseinkauf zurück und sagte:

"Stell dir vor, Callolo, am Eingang zu unserer Wohnanlage liegt ein total betrunkener Bettler neben einer leeren Whisky-Flasche. Und das am frühen Morgen."

Ich musste mich abwenden, damit sie mein Grinsen nicht sah.

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