Carlos und der Papst

Entschuldigung, das ist kein Größenwahn, das ist nur mal eine Annahme: Was wäre, wenn der Papst und Carlos sich gegenübersäßen?

Was würde der Papst, was würde Carlos sagen?

Carlos, um einiges jünger als der Papst, zur Höflichkeit und zum Respekt erzogen, würde diese Eigenschaften dem Papst natürlich entgegenbringen, aber gleichzeitig deutlich aussprechen, dass er, wie der Papst, ein Geschöpf der Urkraft des Lebens ist. Gläubige Christen nennen diese Macht Gott. Er würde auf die Gleichheit und Freiheit der Menschen verweisen, auf deren gleiche Rechte und Pflichten. Er würde dem Papst auch sagen, dass er jedem Menschen auf der Welt zubilligt, zu denken und zu glauben, was ihm beliebt.

Aber spätestens an dieser Stelle würde der Papst ihn unterbrechen, weil es seiner Meinung nach nur einen einzigen Glauben geben kann und darf, den christlichen.

Gibt es wirklich nur einen Glauben?

Carlos würde hier intervenieren. Den Buddhismus, den Hinduismus, den Islam und das Judentum nicht zu akzeptieren, ist für ihn die völlige Ignoranz der Realität und eine dreiste Anmaßung. Was bildet dieser Pontifex der Katholiken sich ein? Er verteufelt alle seiner Meinung nach Nichtgläubigen und stellt sich damit auf die Konkurrenzebene zu den Muslimen, denen er nicht einmal den Status einer gültigen Religion zubilligt.

Benedikt, oh Benedikt! Die Zeiten für den Katholizismus sahen schon einmal besser aus.

Und gerade bei uns in Deutschland sind die Kirchen leer, die Kanzeln verwaist und die Gläubigen auf der Wanderschaft - wohin auch immer.

Wenn der Dalai Lama nach Deutschland kommt, erfreut das 80 Prozent der Bevölkerung. Dieser Mann ist hierzulande weitaus beliebter als der deutsche Papst, der nach seiner Wahl in der Bild-Zeitung begrüßt wurde: "Wir sind Papst!"

Nix da! Wir sind enttäuscht! Reformen wurden ins Gegenteil gekehrt. Benedikt ist in die Vergangenheit geflüchtet. Alle Ansätze eines modernen Chris­tentums hat er ausgewechselt gegen mittelalterliche Glaubensstrukturen. Diejenigen, die auf ihn hofften, hat er enttäuscht, vielen, die an ihn glaubten, hat er die Hoffnung geraubt.

Der Papst wird sagen: "Ich bin als Vertreter Christi für das Wohl der Kirche auf Erden verantwortlich. Ich kann und darf mich nicht dem Zeitgeist unterwerfen."

Da hat er recht. Alle 20 oder 30 Jahre die Dogmen zu verändern, das liefe wirklich auf die Unverbindlichkeit und auf das Ende der christlichen Kirche zu.

Aber Carlos meint, das ist so oder so nicht mehr zu verhindern.

Millionen Menschen in Afrika, die aufgrund des Kondomverbotes inzwischen gestorben sind und noch sterben werden, kann der Papst aus seiner Fan-Gemeinde bereits abschreiben.. Oder glaubt er wirklich, dass es diesen Menschen im Himmel besser gehen wird als im afrikanischen Elend?

Der Kirche kommen die Gläubigen abhanden

Der Papst in Deutschland:

Er trifft den geschiedenen Bundespräsidenten Wulff, der deshalb von den katholischen Sakramenten ausgeschlossen ist. Er trifft den Regierenden Bürgermeister von Berlin, der als Schwuler in seinen Augen Sünden auf sich geladen hat. Und vielleicht entgehen ihm auch nicht die Proteste, sowohl im Bundestag, wo über hundert Abgeordnete sich ihm verweigern und in Berlin, wo Tausende gegen seine viele Millionen teure Anwesenheit protestieren.

Warum? Weil er in ihren Augen intolerant ist, rückwärtsgerichtet und für viele Menschen nicht mehr zeitgemäß.

Der Papst ist in den Bundestag nicht eingeladen worden als Oberhaupt aller Katholiken auf Erden, sondern als Staatsoberhaupt des Vatikans. Trotzdem, die Trennung von Kirche und Staat, auf die so viele Menschen stolz sind, weil sie zu den großen demokratischen Errungenschaften des Westens gehört, ist hier nicht mehr klar zu erkennen.

Der Mann, der mit aller Härte die Einhaltung des Zölibats einfordert, ist damit natürlich auch verantwortlich für all jene seiner Söhne, die daran scheitern. In seiner deutschen Heimat ist er inzwischen höchst umstritten. Die missbrauchten Kinder fragen, warum ihnen nicht die Anerkennung zuteil wird, auf die sie ein Anrecht haben. Die Mehrheit der Deutschen hat kein Verständnis dafür, dass Frauen vom Priesteramt ausgeschlossen sind. Homosexuelle Pfarrer und Mönche, die nicht den Mut oder die Kraft haben, der kirchlichen Verdammnis durch einen Kirchenaustritt zu entgehen, leben bereits im irdischen Fegefeuer.

Und was sagt der gütige Papst dazu? Er zuckt nur mit den Schultern und geht seinen Weg unerschütterlich weiter.

Carlos gönnt jedem Menschen seinen Glauben. Er weiß auch, dass es viele Menschen gibt, die auf den Papst, auf Jesus und die Heilige Maria vertrauen, Menschen, die nichts anderes haben als ihren Glauben. Niemals käme er auf die Idee, sie daran zu hindern, ihrem Glauben zu leben.

Aber so wie er sie akzeptiert, verlangt er auch, dass Leute, die daran nicht glauben, genau- so respektiert werden. Die Zeit der Hexenverbrennung, die Zeit, als Andersgläubige verbrannt wurden, sollte für immer vorbei sein – obwohl sie es bis heute noch nicht überall ist.

Carlos meint, die Buddhis­ten haben ja keine Religion, sondern nur eine Lehre.

Er hat sich als Lehrling dafür schon einmal angemeldet.

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Leserkommentare

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Hans Kaechele 21.05.14 11:02
Carlos und der Papst
Wie sollte man diesen Beitrag bewerten? Hoechstwahrscheinlich mit einer 1+. Der Verfasser legt schonungslos die Pros und Kontras beider Seiten offen. Der jetzige Papst dem diese herbe Kritik zu Recht gebuehrt wird sich den Deubel drum scheren, da er meint ueber den weltlichen Dingen zu stehen. In naher Zukunft wird das die katholische Kirche teuer zu stehen kommen.