Alltag im Facebook-Löschteam

Foto: epa/Ritchie B. Tongo
Foto: epa/Ritchie B. Tongo

BERLIN (dpa) - Die Arbeit in einem Facebook-Löschzentrum ist nichts für sensible Gemüter. «Ich weiß noch, das erste Enthauptungsvideo - da hab' ich dann ausgemacht, bin raus und hab erstmal ein wenig geheult», erinnert sich eine Mitarbeiterin. Das sei dann aber auch ihr einziger emotionaler Ausbruch gewesen - weil man beim ersten Mal unvorbereitet dafür sei. «Jetzt hat man sich so daran gewöhnt, es ist nicht mehr so schlimm», sagt die 28-Jährige.

Es ist das erste Mal, dass Journalisten mit drei Mitarbeitern des Löschzentrums sprechen können. Namen dürfen nicht genannt werden, um sie zu schützen. Insgesamt arbeiten hier 650 Menschen im Mehrschicht-Betrieb. Zu ihren Aufgaben gehört es, Einträge zu sichten und zu löschen, die strafbar sind oder gegen Facebook-Regeln verstoßen. Sie alarmieren Facebook, wenn aus einem Beitrag hervorgeht, dass jemand sich selbst oder anderen Schaden zufügen will. So seien durch anschließendes Eingreifen der Polizei schon Suizide verhindert worden, heißt es. Zu den weniger belastenden Aufträgen gehört die Überprüfung der Echtheit von Facebook-Profilen.

In den vergangenen Monaten hatte es kritische Medienberichte über das von der Bertelsmann-Dienstleistungstochter Arvato betriebene Zentrum gegeben. Darin beklagten sich namentlich nicht genannte frühere Mitarbeiter unter anderem darüber, dass sie mit den seelischen Strapazen des Jobs vom Arbeitgeber alleingelassen würden. «Ich als Teamleiter weiß ja nicht, ob jemand Betreuung braucht oder nicht», sagt jetzt einer der Mitarbeiter. Man sei angewiesen darauf, dass die Leute sich selbst melden. «Gedanken lesen kann ja keiner», stimmt ihm eine Kollegin zu. «Und die Betreuung stand ja schon damals zur Verfügung.»

An jedem Arbeitsplatz in dem Gebäude sind jetzt Aufkleber mit Kontaktdaten von Experten für psychologische Betreuung angebracht. Das sei nicht immer so gewesen, sagt Arvato-Manager Karsten König. Vielleicht hätte man von Anfang an die Angebote stärker in den Vordergrund rücken müssen, räumt er ein.

Die Mitarbeiter, die jetzt unter den Augen der Sprecher von Facebook und Arvato mit Journalisten sprechen, zeigen sich verletzt von den Berichten. «Ich war richtig sauer», sagt eine von ihnen. Weil damit ein Schatten auf die Arbeit der Teams geworfen werde. «Wir retten Leben, wir versuchen, Leuten zu helfen.» Ihre Kollegin pflichtet ihr bei: «Wir kommen uns gut dabei vor, was wir machen. Wenn ich jemandem ersparen kann durch meine Arbeit, dass er das sehen muss, dann finde ich das sehr gut.» Wenn sie Kinder hätte, würde sie auch nicht wollen, dass diese darüber stolpern.

Ihr Arbeitsplatz sieht aus wie viele andere Großraumbüros. Lange Tischreihen, an denen sich zehn bis zwölf Menschen gegenübersitzen. Pro Raum finden rund 60 Menschen Platz. In dem frisch bezogenen Gebäude - man zog gerade erst vom Haus gegenüber um - riecht es noch nach frischer Farbe. Die weiße Wand zieren ein großer Facebook-Schriftzug sowie zwischen den Fenstern zwei «Gefällt mir»-Daumen und ein App-Icon von Instagram. Obst und Gemüse werden vom Arbeitgeber gestellt, es gibt Yoga als Entspannungsangebot und einen «Feelgood-Manager», der sich um Probleme kümmern soll.

Von den 650 Beschäftigten kamen 106 auf Empfehlung bisheriger Mitarbeiter dazu. Alle drei Mitarbeiter, mit denen die Journalisten sprechen können, sind seit mehr als einem Jahr dabei und stießen auf der Suche nach einem stabilen Job auf die Lösch-Tätigkeit: eine Grafik-Designerin, eine Social-Media-Managerin, ein Landschaftsgärtner. Für Neuzugänge gibt es zunächst eine Woche Orientierung, dann ein mehrwöchiges Prozesstraining für bestimmte Tätigkeiten, erklärt Facebook-Manager Walter Hafner. Bevor jemand in einen neuen Bereich wechsele, laufe er erst einmal probeweise mit, «Shadowing» heißt das hier, von Schatten.

Das Enthauptungsvideo, das die Mitarbeiterin so schockierte, bekam sie noch in der Orientierungsphase zu sehen. Später habe sie auch mit sogenanntem «High-Priority-Content» gearbeitet - zum Beispiel Selbstverletzungen und Suizidgefahr, also Situationen, in denen schnelles Eingreifen nötig ist. «Da habe ich dann festgestellt, dass ich es nicht so gut wegstecken kann und darum gebeten, das nicht mehr machen zu müssen.» Wie lange man diesen Job machen könne? «Jahrelang auf jeden Fall nicht, man möchte sich ja auch weiterentwickeln.»

Ihr Kollege, ein Mittzwanziger, ist härter im Nehmen. «Mich persönlich hat der Inhalt nie gestört», sagt er. «Nicht dass ich das schön finde, aber ich konnte immer gut trennen zwischen Arbeit und Persönlichem.» Das sei hier auch gefragt. Was er in seinem Job gesehen habe, will einer der Journalisten wissen. Kinderpornos? «Ja.» Tierquälerei? «Ja.». Mord, Totschlag? «Ja eigentlich alles.» Einmal sei er beim Psychologen gewesen, um präventiv zu sprechen.

Man kann es nicht anders sagen: Die Leute, die hier arbeiten, nehmen es auf sich, menschliche Filter für dem Unrat im Internet zu sein. Der Job verändere einen, räumen die Mitarbeiter ein. «Es sensibilisiert auf jeden Fall», sagt eine von ihnen. Man sehe in der S-Bahn eine Frau mit Narben an der Hand, die einem vielleicht nicht aufgefallen wäre, wenn man sich nicht mit Selbstverletzungen beschäftigt hätte. «Leute tun sich grausame Sachen an», sagt ihre Kollegin. «Ich persönlich hatte schon vorher nicht so viel Glauben in die Menschheit und jetzt so gut wie gar keinen mehr.»

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